Während eines unfreiwilligen Aufenthalts im Bahnhof einer kleinen Grenzstadt stellt der Autor Überlegungen über die Zeit an: Gedanken über Religion, Zitate von antiken Denkern, altchinesischen Dichtern, von Philosophen und Theologen, verbunden mit Kritik am Zustand der Gesellschaft, insbesondere am Fortschrittsglauben. Strauss beobachtet seine Umgebung, die Menschen, vergleicht sie mit früheren Zeiten. Die virtuelle Welt verhindere die direkte Beziehung zwischen Menschen. Die schonungslose Aufgeklärtheit, das Fehlen von Tabus habe die Mythen verschwinden lassen. Das “Tiefgekühlte unseres Lebens” lasse keine Leidenschaft mehr zu, nur noch “taghellen, sportlichen Sex”. Der Autor fühlt sich wahllos und wehrlos seinen Betrachtungen ausgeliefert, er ist eingeschlossen “in das Dornengestrüpp seiner Sprache”. Für ihn beginnen nun im Alter die Abenteuer des Entdeckens. Sein Fazit (nach T. S. Eliot): “Alte Männer müssen Kundschafter sein”. Strauss selbst beschreibt seine Aufzeichnungen wie folgt: “Spaziergänge, Halluzinationen, Einfälle, Abschnitte und Zufluchten eines Mannes, der nicht an Jahren alt ist (heutzutage!), aber an Gefühl”. Die monologischen Text-Fragmente des Theaterautors erschöpfen sich überwiegend in Wiederholungen und Variationen einer Gesellschaftskritik - ermüdende Fragmente eines einsamen alternden Mannes, der eher resigniert als zornig ist. Für Botho-Strauss-Fans möglich.
Ileana Beckmann
Aufgewachsen in Stuttgart und Rom; nach dem Abitur Studium der Komparatistik und Romanistik mit Magisterabschluss an den Universitäten Paris, Bonn und Yale. Verheiratet, 2 erwachsene Söhne. Neben dem Dasein als Hausfrau und Mutter Übersetzungen aus dem Französischen, Italienischen und Englischen für die Wissenschaftliche Buchgesellschaft; Leiterin der KöB in Hagen-Dahl; Leitung verschiedener Literaturgesprächskreise, Dozentin (Literatur) der VHS und des Kath. Erwachsenenbildungswerks Lüdenscheid.
Zum Rezensieren (Belletristik für die Medienprofile und Romane und Hörbücher für den Ev. Buchberater) bin ich gekommen, um meine Leselust rechtfertigen und in der Hoffnung, andere mit meiner Begeisterung für gute Bücher anstecken zu können und davon zu überzeugen, dass gut ausgewählte Literatur ein Ratgeber und Helfer in manchen existenziellen Fragen ist.
Lieblingslektüre: französische Romane des 19.Jh., moderne franz. Autoren, Ian McEwan und John Irving, und schließlich neben dem Klassiker Thomas Mann die deutschsprachigen Autoren Martin Suter und Bernhard Schlink und Uwe Timm.