Wenn man diesen bereits 1983 entstandenen und nun erstmals ins Deutsche übersetzten Roman des türkischen Nobelpreisträgers liest, wundert man sich, dass dieser sensible und stilistisch herausragende Autor nicht früher “entdeckt” wurde. Mit großer Meisterschaft entwirft er ein vielschichtiges Bild der türkischen Gesellschaft in einer für das Land brisanten Zeit, deren Ereignisse bis heute nachwirken. Es ist die Zeit kurz vor dem Militärputsch von 1980, der zwar die bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen zwischen rechts und links beendete, aber zu einer politischen Lähmung führte. Im Kontrast dazu steht das alte ruhige Haus am Marmarameer, das von der Greisin Fatma und ihrem Diener bewohnt wird und in dem sich alljährlich ihre drei Enkel ein Stelldichein geben. Während die verfallende Villa als Symbol für das im Niedergang befindliche Land gesehen werden kann, repräsentieren die Protagonisten ganz unterschiedliche gesellschaftliche Tendenzen. Wer jedoch Pamuk kennt, weiß, dass die große Politik bei ihm nie im Vordergrund steht, sondern ganz individuelle Schicksale. Gerne empfohlen. (Übers.: Gerhard Meier)