Gibt es Situationen im Leben, in denen so viel lärmende Stille herrscht, so viel beredtes Schweigen, so viel erregtes Innehalten wie bei der Totenwache soeben verstorbener enger Angehöriger? Enza verabschiedet sich nacheinander von ihrer Schwester, von ihrem Mann, von ihrer Mutter. Von der Schwester verabschiedet sie sich im Zorn. Aber was verbirgt sich hinter dieser ein Leben lang aufgestauten Ablehnung? Auch der toten Mutter kann Enza nur ein fassungsloses Unverständnis über ihre Kälte, über ihr gewaltsames Schweigen, ihre so merkwürdig verstörende Herzlosigkeit gegenüber Kindern zeigen. “Auch vor der Leiche der Mutter hatte sie dasselbe Gefühl der Machtlosigkeit empfunden; sie hatten sich beide, Mutter und Tochter, der einzigen großen Frage entzogen, die ihr gemeinsames Leben gezeichnet hatte, zuerst die eine, dann die andere: Hast du mich jemals geliebt?” Wirkliche Liebe hat Enza nur gegenüber ihrem ebenfalls früh verstorbenen Mann empfunden. - Es ist die Stärke dieser Erzählung, dass hier Konflikte von einer fast schon alttestamentarischen Wucht in einem Ton wiedergegeben werden, die den Leser ganz auf das Drama dieser Lebensgeschichte konzentriert. Man darf das Geheimnis der aufgestauten Kälte zwischen den drei Frauen, der Schwester, der Tochter und der Mutter nicht enthüllen, bevor man die Lektüre des Buches begonnen hat. Wer es gelesen hat, weiß, warum man sich dieses Schweigen auferlegt hat. Ein tief aufwühlendes Buch, spannend von der ersten bis zur letzten Seite, in dem es um extreme existenzielle Konflikte geht. (Übers.: Dominikus Andergassen)
Carl Wilhelm Macke
Geboren 1950 in Cloppenburg (Oldenburger Münsterland). Studiert in Hamburg und Hannover Pädagogik und Politische Wissenschaften, aber in Ermangelung des ‘pädagogischen Eros’ habe ich mich immer mehr für das Schreiben interessiert. Lebe seit nunmehr über 20 Jahren in München und seit gut zehn Jahren auch zeitweise im italienischen Ferrara. Verheiratet mit einer Allgäuerin.
Für den St. Michaelsbund schreibe ich seit vielen Jahren Buchrezensionen, vornehmlich über neuere italienische und ‘mitteleuropäische’ Literatur. Mein ganz besonderes Interesse gilt aber - seit der ersten Lektüre der Psalmen - der Poesie in allen Epochen bis hin zur modernen Lyrik unserer Tage. Und neben der Arbeit als freier Journalist arbeite ich seit vielen Jahren als Geschäftsführer des Vereins “Journalisten helfen Journalisten”, der sich nach der Ermordung eines SZ-Korrespondenten am Beginn der Kriege auf dem Balkan Anfang der neunziger Jahre gebildet hat. Dass mich zu diesem Engagement ganz besonders auch die theologischen Arbeiten von Johann Baptist Metz motiviert haben, will ich nicht verschweigen.