Ist die Kugel, die durch diesen Roman fliegt, je abgefeuert worden? Und wenn ja: Wird sie ihr Ziel erreichen oder wird die Verlangsamungstaktik des Erzählers diesen Schuss aufhalten können? Dies ist die Geschichte einer Familie, die unter den Folgen eines Ereignisses leidet, für das es zwar viele Vorzeichen und Hinweise gab, das aber womöglich nie stattgefunden hat. Richard Obermayr hat einen Roman über das flüchtigste und zugleich unwiderrufbarste Element geschrieben: die Zeit. Tag für Tag geht sie durch uns hindurch und häuft sich als eine Vergangenheit auf, von der wir nicht wissen, was mit ihr geschieht. Ist es möglich, dass diese gelebte Zeit hinter uns weiterreift, ja dass jene Teile unserer Persönlichkeit, die wir zurücklassen mussten, um die zu werden, die wir heute sind, sich hinter unserem Rücken gegen uns verbünden? Was ist, wenn eines Tages die Vergangenheit uns nicht mehr braucht und ohne uns weiterlebt? - Als Richard Obermayr vor über zehn Jahren seinen ersten Roman vorlegte, wirkte er ebenso verstörend wie begeisternd. Ein neuer Autor war auf den Plan getreten, dem man Außerordentliches zutraute. Zu Recht: Sein zweiter Roman löst das Versprechen, das der erste gab, auf glänzende Weise ein. Für literarisch Interessierte sehr zu empfehlen.
Carl Wilhelm Macke
Geboren 1950 in Cloppenburg (Oldenburger Münsterland). Studiert in Hamburg und Hannover Pädagogik und Politische Wissenschaften, aber in Ermangelung des ‘pädagogischen Eros’ habe ich mich immer mehr für das Schreiben interessiert. Lebe seit nunmehr über 20 Jahren in München und seit gut zehn Jahren auch zeitweise im italienischen Ferrara. Verheiratet mit einer Allgäuerin.
Für den St. Michaelsbund schreibe ich seit vielen Jahren Buchrezensionen, vornehmlich über neuere italienische und ‘mitteleuropäische’ Literatur. Mein ganz besonderes Interesse gilt aber - seit der ersten Lektüre der Psalmen - der Poesie in allen Epochen bis hin zur modernen Lyrik unserer Tage. Und neben der Arbeit als freier Journalist arbeite ich seit vielen Jahren als Geschäftsführer des Vereins “Journalisten helfen Journalisten”, der sich nach der Ermordung eines SZ-Korrespondenten am Beginn der Kriege auf dem Balkan Anfang der neunziger Jahre gebildet hat. Dass mich zu diesem Engagement ganz besonders auch die theologischen Arbeiten von Johann Baptist Metz motiviert haben, will ich nicht verschweigen.