Mit dem Kriegsende 1945 beginnt die Geschichte des kleinen ostpreußischen Mädchens, dessen Mutter verhungert, die von ihrem Bruder und ihrer Schwester getrennt wird und die sich allein durchs Leben schlägt. 1994 begegnet sie der Autorin Ingeborg Jacobs und erzählt ihr die Geschichte ihrer Flucht. Der ständige Kampf ums Überleben, die zum Teil verzweifelte Suche nach Nahrung, der Unterschlupf in Wäldern, all diese Erlebnisse erzählt sie so lebendig, dass man sich als Leser wie ein unmittelbarer Beobachter vorkommt. Schreckliche Kindheitserlebnisse, wie sie auf der Suche nach etwas zum Essen von einem Bauern vergewaltigt, in einen Sack gesteckt und in einen Fluss geworfen wird, wie etwas ältere Buben sie an einem Baum aufhängen, wie sie an Krätze leidet und mit Läusen zu kämpfen hat, alles erzählt sie mit einfachen und vielleicht gerade deshalb so mitreißenden Worten. Sie wird beim Stehlen von Lebensmitteln erwischt und landet viele Jahre in den Straflagern des Gulag. Als sie schließlich entlassen wird, durchquert sie beinahe die gesamte Sowjetunion, immer auf der Suche nach Arbeit, Heimat und ein bisschen Glück. Niemals gibt sie die Hoffnung auf, ihren Bruder und ihren Vater wiederzufinden. 1976 erfährt sie dann, dass beide noch leben, und zieht zusammen mit ihrer Tochter Elena nach Westdeutschland. Das hält sie aber nur 15 Monate durch, weil sie sich hier nicht heimisch fühlen kann, und geht dann Ende 1977 zurück nach Sibirien. - Das Buch beschreibt einfühlsam ein Schicksal, das sicherlich exemplarisch für das tausender Kinder in diesen Jahren ist. Wer den bewegenden und erschütternden Dokumentarfilm der Journalistin Ingeborg Jacobs über das Schicksal der heute 72-jährigen Liesabeth Otto auf ARTE oder im ZDF gesehen hat, wird sicher zu diesem Buch greifen.