Der 71-jährige Christiaan Dudok ist am selbst bestimmten Endpunkt seines Lebens angelangt. Ein letztes Mal nimmt er die Geräusche des frühen Morgens wahr, die mit den Stimmen ihm nahestehender, nicht vergessener Menschen verschmelzen. Vor allem Julia Bender, die er 1938 während eines Praktikums in Lübeck kennenlernte, hat einen tiefen Eindruck hinterlassen. Statt sich jedoch zu seinem Gefühl für die Ingenieurin und Nazigegnerin zu bekennen, folgt er Julias Rat, den Kontakt zu ihr zu meiden und nach Holland zurückzukehren. Obwohl Dudok in den Folgejahren “funktioniert”, quälen ihn moralische Fragen: Warum hat er Julias Wunsch entsprochen? Ist er aus Feigheit abgereist? Die Geschichte vom verpassten Leben durch den Verrat der Liebe erzählt der Niederländer Otto de Kat (Jahrgang 1946) vor dem Hintergrund historisch authentischen Geschehens. Auf Detailgenauigkeit und Milieutreue achtend, entwirft er die Charakterstudie eines konfliktscheuen, einsamen Mannes, dessen Schuldgefühle stärker sind als die Lust zu leben. Über die subtile Porträtierung hinaus überzeugt der lesenswerte Roman durch sorgfältig ausgewählte Szenen und Episoden, die eine in sich geschlossene, dynamisch erzählte Prosa ergeben. (Übers.: Andreas Ecke)