Virág hätte gerne eine Polaroidkamera, die so schön verschwommene Fotos macht, die sich nur langsam entwickeln und zum Schluss in tollen Farben leuchten. Stattdessen bekommt sie zum 11. Geburtstag ein Gerät, das perfekt funktioniert. Aber mit solchen Bildern kann Virág nichts anfangen, denn sie setzt die Entwicklung eines Polaroidbildes mit ihrer eigenen Lebenssituation in Beziehung. Die Hoffnung, dass ihr Leben sich positiv entwickeln wird, dass sie in schönen Farben blühen wird, wie es die Bedeutung ihres ungarischen Namens nahelegt, ist jedoch noch nicht greifbar. Stattdessen verliert sie zunehmend den Boden unter den Füßen. Die Gewissheiten des kleinen Mädchens sind dahin, “die festen Gegenstände beginnen zu wanken, zwischen den Zehen knirscht Sand”. Virág fühlt sich fremd. Allein, trotz liebevoller Eltern, die aber mit sich, der Arbeitslosigkeit und ihren Beziehungsproblemen beschäftigt sind. Virág sucht Rettung in Verhaltensweisen jenseits der Norm und wird in eine Psychiatrische Klinik eingewiesen. Dort kann sie ausruhen und nachdenken. Und sie versteht langsam, dass sie nicht allein ist. “Auch nicht alleine krank.” - Mit diesem Gedanken endet das schmale, dicht und virtuos erzählte Buch, das einen frösteln und hoffen lässt. Und das durch die beigefügten Polaroids von Anne-Theresa Wittmann Virágs aus dem Lot geratene Welt auch sinnlich erfassbar macht.
Ute Sand
1959 in München geboren lebe ich mit meiner Familie noch immer in dieser für uns ‘schönsten’ Stadt.
Ich studierte Germanistik, Geschichte, Politik und schloss mit dem Magisterexamen ab. In den darauf folgenden Jahren war ich als Dozentin und freiberufliche Lektorin tätig, doch am wichtigsten für mich waren die Jahre in einer traditionsreichen Münchner Buchhandlung. Dort begegnete ich einer enthusiastischen älteren Kollegin, die mich für die Vielfalt der Kinder- und Jugendliteratur begeisterte.
Anspruchsvolle Autoren und Illustratoren, wie Klaus Kordon, Jostein Gaarder, Miriam Pressler, Binette Schröder oder Klaus Ensikat den Lesern nahe zu bringen und zugleich deren eigene Bedürfnisse nicht aus den Augen zu verlieren, wurde Ziel meiner Arbeit. Auch wenn ich selbst gerne kreuz und quer lese, so werde ich in Zukunft für den Borromäusverein schwerpunktmäßig Kinder- und Jugendliteratur besprechen.