Diese Chaplin-Biografie entspringt einem Seminar des Washingtoner Psychoanalytic Institutes, an dem der Autor lehrt (vgl. Nachwort). Untersuchungsgegenstand waren zwei autobiographische Schriften Chaplins, eine autorisierte von 1964 und eine kurz nach Fertigstellung “dementierte” von 1915(!), die eine wahre Fundgrube für Psychoanalytiker ist, wenn man sie für authentisch hält. Darin wird Chaplins schmerzliche Kindheit in den Straßen von London beschrieben: die Eltern, beide Music-Hall-Stars auf dem absteigenden Ast, der Vater Alkoholiker, die Mutter Syphilitikerin. Er wächst in Armut auf und lernt mit seinem Halbbruder das Waisenhaus kennen. Weissman deutet Chaplins Filmschaffen konsequent (oft überstrapaziert) vor diesem Hintergrund; vor allem das traumatische Schicksal der Mutter sieht er als Triebfeder für Chaplins Erlösungsmotiv bzgl. der weiblichen Protagonistinnen - und bemüht sich um akribische Beweisführung. Dabei gehen häufig stringente Erzählweise und chronologische Übersicht verloren, sein Schreibstil wirkt assoziativ, häufig redundant, manchmal auch geschwätzig, wenn er sich in Spezialthemen verliert. Dennoch fesselt die Biographie, fördert sie doch Erstaunliches und Verblüffendes zutage. Der tiefere, ja professionelle Blick auf den in der Figur des kleinen Tramps auch heute noch weltweit bekannten (und unterschätzten?) Künstler und die Zeitumstände berührt sehr. - Breit empfohlen!