Im September 1862 heiratet der einer traditionsreichen russischen Adelsfamilie entstammende Lew Nikolajewitsch Tolstoi (1828-1910) die um sechzehn Jahre jüngere Arzttochter Sofja Andrejewna Behrs (1844-1919). Kurz vor der Hochzeit gewährt er ihr Einblick in seine über Ausschweifungen und Exzesse berichtenden Jugendtagebücher. Schockiert folgt ihm die bisher ahnungslose junge Frau auf das Tolstoische Landgut Jasnaja Poljana, das für beide eine gemeinsame Heimat werden soll. Die Tradition, sich über Tagebucheintragungen zu verständigen, dem anderen nicht nur Angenehmes, sondern auch Beleidigendes mitzuteilen, werden sie über die fast fünfzig Jahre ihrer spannungsreichen Partnerschaft beibehalten. Vor allem in seiner zweiten Lebenshälfte, in der sich Tolstoi verstärkt mit religionsphilosophischen und sozialen Fragen auseinandersetzt, bezichtigt er “Sonja”, wie er sie nennt, des “Egoismus”, der “Ruhmsucht” und der “Selbstzufriedenheit”. Dieses negative Bild einer verständnislosen, auf persönlichen Vorteil bedachten Ehefrau dominiert zahlreiche Tolstoi-Biografien. Das nunmehr vorliegende, von Ursula Keller und Natalja Shrandak aufgrund sorgfältiger Recherchen entworfene Porträt wirkt korrigierend und stellt neben einer “Familien-Managerin” eine literarisch und musikalisch begabte Frau vor, die an der Seite ihres Mannes nicht nur “passiv, sprachlos und willenlos” sein möchte. Da die Auszüge aus Tagebüchern, Briefen sowie Aufzeichnungen von Familienmitgliedern und Zeitungen überlegt ausgewählt und intelligent zusammengestellt sind, zeichnet sich die Biografie durch dramaturgische Dichte aus. - Lesenswert.