Ende des 22. Jahrhunderts ist Europa bis zu den Alpen eine einzige Wüste. In Südtirol halten sich noch einige kleinere Ansiedlungen, doch alle wissen, dem Sand und dem weiter zunehmenden Wassermangel haben sich nichts entgegenzusetzen. Allein zwei Kräfte sind in diesem Teil der Erde übrig, die einen klaren Weg verfolgen. Ein dänischer Heerführer, der den Norden Europa ohne politisches Mandat als Schutzzone ausbaut und brutal verteidigt, und ein in Rom zurückgebliebener Kardinal - der Papst lebt mit seiner Umgebung längst in Ulm -, der dem alten Rätsel der Kontinentalplatten auf der Spur ist und nach einer Zukunftsperspektive für die Menschheit sucht. Zwischen diesen beiden Gruppen, die mit ähnlichen Mitteln, aber unterschiedlichen Zielen kämpfen, stehen das Mädchen Tonia und zwei Tuareg. Tonia ist die Überlebende einer Südtiroler Familie. Nach dem Tod des Vaters wird sie verstoßen, verkleidet sich als Junge, trifft in Bozen auf die Tuareg, denen sie das Leben rettet und verliebt sich in einen der beiden. Die drei werden zum Spielball zwischen den Mächtigen. Die Tuareg und mit ihnen Tonia arbeiten für den Kardinal. Dem gelingt es tatsächlich, mit besonderen Waffen der Mittelstaaten, in Oberitalien zwei Erdplatten auseinander zu reißen und dadurch die darunter liegende Flüssigkeit nach oben zu befördern. - Wallners Roman zeichnet sich durch besondere Sprachkraft und klare Erzählperspektive aus der Sicht Tonias aus. Aber das Buch ist dennoch weniger ein Jugendroman, sondern tatsächlich ein Roman für Jung und Alt, der sich einem Zukunftsszenario stellt und die Fragen nach der Rolle von Religion und Kirche in diesem Kontext thematisiert. Wie auch die anderen Romane Wallners auch wegen ihrer ruhigen, reflektorischen Subtanz sehr zu empfehlen.
Rolf Pitsch
Nachhaltige Spuren in meiner Lesesozialisation stammen von der – in der erarbeiteten Freizeit – lesenden Mutter, einem – bei Krankheit – vorlesenden Onkel, der Pfarrbücherei und einer Einzelhandelskauffrau, bei der ich die ersten Bücher in unserem Moseldorf erstand. Journalistenausbildung und Studium (Germanistik, Publizistik, Buchwesen) mit einer Abschlussarbeit über Elias Canetti prägten den Blick auf Literatur und die biografischen Anteile von Autoren und Lesern am Verständnis der Werke. Literarische Trends, der besondere Stellenwert des Mediums Buch, die Spuren religiöser Fragestellungen, die optische Präsentation und die Sprache stehen in besonderer Weise im Mittelpunkt meines Lese- und Mediennutzungsinteresses.