24.02.2012

Spurensuche

Wer sind sie, die Helden der Nachhaltigkeit? Was müssen die Figuren in den Geschichten heute tun, um die Welt zu retten? Kann man angesichts der überall herrschenden Unübersichtlichkeit der Verhältnisse überhaupt noch handeln, literarisch oder real? Welche Impulse gibt ein christlicher Schöpfungsglaube? Und kann so ein sachliches und eher abstraktes Thema überhaupt spannend aufbereitet werden und literarisch ankommen? [mehr]

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Eine Frau und ein Mann begegnen sich in einem Wellnesshotel. Sie möchte ein neues Videoprojekt realisieren, er sucht nach einem Weg aus der Schreibblockade. Beide haben unruhige Zeiten und manches Unbearbeitete und Nichtverdaute im Lebensgepäck. Durch wechselseitiges Beäugen, Begleiten in Gedanken ... weiter

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Herta Müller

Atemschaukel

RomanHANSER, 2010
Hardcover, Gebunden
Nachdr. 2010. 299 S. 21 cm

MedienNr.: 315174

ISBN-10: 3446233911
ISBN-13: 9783446233911

€ 19.90

Borro-Rezension[mehr]

Ein Nachkriegsschicksal im russischen Arbeitslager: Herta Müller erinnert an ein lange unterdrücktes Thema der rumäniendeutschen Geschichte.

Nach der Kapitulation und dem Ende des rumänischen Faschismus wurden Anfang 1945 alle rumäniendeutschen Männer und Frauen im Alter zwischen 17 und 45 Jahren zur Zwangsarbeit in sowjetische Arbeitslager deportiert. Unter ihnen waren der aus Hermannstadt stammende Oskar Pastior (1927-2006) und die Mutter der 1953 in einem Dorf im Banat geborenen Herta Müller, der neben Pastior wohl bedeutendsten Autorin der rumäniendeutschen Literatur. Von ihrer Mutter hat Herta Müller nur in Andeutungen über die Deportationsjahre erfahren. Im Jahr 2001 hat Herta Müller damit begonnen, Gespräche mit ehemals Deportierten aus ihrem Dorf und auch Oskar Pastiors Erinnerungen aufzuzeichnen, die sie zu diesem Roman verdichtet hat. Ein siebzehnjähriger junger Mann wird im Januar 1945 zuhause abgeholt und in wochenlangem Zugtransport in ein russisches Arbeitslager gebracht. Herta Müller beschreibt die fünf Lagerjahre nicht im Stil des “genau so ist es gewesen”, sondern mit der bildhaft-genauen Absicht poetischer Wahrheit: So und nicht anders stellt sich das Lagerleben in der literarischen Erinnerung dar. Die einzelnen Kapitel gehen von den Dingen aus, die den, der sich erinnert, noch über 50 Jahre nach der Rückkehr heimsuchen. Der “Hungerengel”, die “Mondsichelmadonne”, die “Kalkfrauen”, der “Blechkuss”, das “Meldekraut”: Jedes dieser Kunstworte enthält eine Welt, das Gedächtnis von Arbeitskolonne und Abendappell, von Schinderei im Schlackekeller, von Langeweile als “Geduld der Angst”, von Sehnsuchtskrankeit und Heimweh als dem “Hunger nach dem Ort, wo ich früher einmal satt war”. Nach der Rückkehr nach Rumänien bleibt eine existentielle Fremdheit, “eine Art Ferne” in dem Erzähler zurück. Herta Müllers Roman stellt das Deportiertenschicksal im russischen Arbeitslager auf eindringliche Weise ins europäische Gedächtnis. - Zum intensiven Lesen allen Büchereien sehr empfohlen. - Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2009.

Michael Braun
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