Sehnsucht nach Stille
Die Sehnsucht nach spiritueller Erfahrung treibt heute viele Menschen um. Sie wünschen sich innere und äußere Stille, um ihre spirituellen Bedürfnisse erfüllen zu können und mit Gott in Kontakt zu kommen. Doch das scheint in unserem durchrationalisierten und oftmals eng getakteten Alltag nahezu unmöglich zu sein. Das Frühstück will gemacht sein, die Kinder müssen geweckt und in die Schule gescheucht werden, berufliche und familiäre Pflichten füllen unseren Alltag aus. Die Niederländerin Miek Pot hat daraus radikale Konsequenzen gezogen und ist in ein Kartäuserinnenkloster eingetreten. Die Kartäuser sind ein Schweige- und Eremitenorden. Die Ordensmitglieder leben vorwiegend in ihren Zellen, allein, schweigend, meditierend. „Mir kam es so vor, als würde die Außenwelt mich von meinem innersten Selbst abtrennen. Ich wollte deshalb diese Außenwelt verlassen und zu mir selbst zurückfinden“, schreibt sie in ihrem Buch „In der Stille hörst du dich selbst“ über ihre Motivation, in ein Kloster einzutreten.
Zwölf Jahre Einsamkeit
Darin berichtet sie im ersten Teil über die zwölf Jahre bei den Kartäuserinnen. Als sie 1987 in den Orden eintrat, war sie 27 Jahre alt. Sie lebte zunächst in einer Kartause in Belgien, wo sie unter vielen Schwierigkeiten in das Leben einer Kartäuserin hineinwuchs. Weil es um ihre Gesundheit nicht gut bestellt war, wurde sie in eine Kartause in Südfrankreich versetzt. Dort blühte sie auf und erlebte die glücklichste Zeit ihres Ordenslebens.
Dann versetzte die Ordenszentrale sie zurück nach Belgien, wo sie mit anderen Schwestern ein neues Kloster aufbauen sollte. Obwohl ihr Leben nun von großer Unruhe geprägt war und sie die Stille und Einsamkeit ihrer Zelle in Südfrankreich vermisste, machte sie in dieser Zeit eine tiefe mystische Erfahrung.
Ausgerechnet diese Erfahrung führte schließlich dazu, dass sie aus dem Orden austrat. „Als Mystikerin musste ich zurück auf den Marktplatz“, schreibt sie (S. 80). Sie sah ihre Berufung nicht mehr länger im Kloster, in der Einsamkeit, sondern darin, anderen Menschen eine solch tiefe spirituelle Erfahrung zu ermöglichen.
Diesem Anliegen widmet sie sich im zweiten Teil ihres Buches. Darin zeigt sie, dass spirituelle Erfahrungen auch ohne eine so radikale Entscheidung möglich sind. Den Weg in die „große Stille“, wie Pot es nennt, beschreibt sie als einen Weg zu sich selbst. „Willst du Gott begegnen, so lerne vorher dich selbst kennen“, zitiert sie den Wüstenvater Evagrius Ponticus. Die „große Stille“ erreiche man am besten über tägliche Meditation, meint sie. Womit sich für sehr viele Menschen wieder die eingangs beschriebenen Schwierigkeiten stellen.
Antonius und die Wüstenväter
Miek Pot lebte bei den Kartäuserinnen in einer Tradition, die auf die ägyptischen Wüstenväter zurückgeht. Sie zogen im vierten Jahrhundert nach Christus in die Wüste, um dort bei sich selbst zu sein – und auf diese Weise zu Gott zu finden. Hans Conrad Zander stellt sie in seinem Buch „Als die Religion noch nicht langweilig war“ vor.
Der bekannteste unter den Wüstenvätern dürfte der Heilige Antonius sein. Sein Kampf mit den Dämonen hat zahlreiche Künstler – von Hieronymus Bosch bis Goethe – inspiriert. An seinem Lebenslauf wird deutlich, wie es den Wüstenvätern gelang, die Wüste fruchtbar zu machen – als Ort des geistlichen Lebens.
Antonius war der Sohn eines wohlhabenden Bauern in Oberägypten. Als seine Eltern kurz nacheinander verstarben, zog er sich in die Wüste zurück. Die Wüste war für die Ägypter die Todeszone, nicht nur, weil man dort verdursten konnte, wenn man die Wege zu den Oasen nicht kannte. Vielmehr war die Wüste das Reich der Dämonen, an dessen Rand die Ägypter gerade noch ihre Toten bestatteten. Antonius zog also in das Reich des Todes und der Dämonen. Wie immer der Kampf gegen die Dämonen zu verstehen ist, den er zu bestehen hatte, ob es sich um eine Auseinandersetzung mit inneren Bildern handelte oder um einen auch handgreiflich ausgetragenen Kampf gegen wohlmeinende Verwandte, die ihn aus der Todeszone zurückholen wollten – Antonius trug schließlich den Sieg davon.
Dieser Sieg begründete seinen Ruhm – mit für ihn unangenehmen Folgen, war er doch fortan ein gefragter, wenn nicht sogar bedrängter Ratgeber. Statt in der Einsamkeit einen Weg zu Gott suchen zu können, sah er sich einem kontinuierlichen Strom von Besuchern ausgesetzt, die ihn sehen oder einen geistlichen Rat von ihm haben wollten. Deshalb floh Antonius tiefer in die Wüste – doch seine Fans spürten ihn auch dort auf.
Die Lösung bestand schließlich darin, zu pendeln. Antonius verbrachte einige Zeit an einem Ort, wo er Besucher empfing, um sich dann wieder in eine Höhle zurückzuziehen, in der er allein sein konnte. Einige seiner Anhänger bewachten den Zugang zu dieser Höhle. Noch heute befindet sich dort, am Berg Kolzim, ein koptisches Kloster.
Die spirituellen Erfahrungen der Wüstenväter haben das Christentum ganz entscheidend geprägt. Ihre Einsichten sind von Generation zu Generation weitergegeben worden und haben auch das europäische Mönchswesen mit seinem Gründervater Benedikt entscheidend beeinflusst.
Der Export nach Europa führte mit der Zeit zu der Einsicht, dass gar kein dauerhafter Rückzug in die Einsamkeit einer Wüste nötig ist, um bei sich selbst zu sein und den Weg zu Gott zu finden. Die Wüste kann man auch dosieren. Dieser Einsicht folgt Miek Pot, wenn sie für den Weg in die „große Stille“ die tägliche Meditation empfiehlt, sozusagen eine tägliche Dosis Wüste. Sie besteht in der jüngeren geistlichen Tradition dann aus einem Tag ohne Termine und Verpflichtungen. Dem Rückzug in die Höhle entspricht dann der Rückzug in die eigenen vier Wände oder in einen anderen geschützten Raum, in dem man bei sich sein kann.
„Deine Zelle wird dich alles lehren“
Eine regelmäßige Dosis Wüste empfiehlt auch die US-amerikanische Benediktinerin Joan Chittister. Allerdings setzt sie den Akzent etwas anders als Miek Pot. Für sie besteht das Geheimnis des Lebens gerade darin, Gott im Alltag zu finden. „Die Ehe, die Arbeit, unsere Kinder und unsere Verpflichtungen – sie alle dienen uns als Entschuldigung dafür, nicht kontemplativ zu leben. Wir gehen mit ihnen um, als besäßen sie keine spirituelle Dimension ...“, schreibt sie in „Das Leben beginnt in dir“ (S. 12). Sie will die Augen ihrer Leser für die spirituelle Dimension ihres ganz gewöhnlichen, oft genug chaotischen Lebens öffnen. Dazu zitiert sie Weisheiten der Wüstenväter und überträgt sie auf die Gegenwart.
Um die spirituellen Dimension des Alltags zu entdecken, brauche es eine kontemplative Haltung, ist Chittister überzeugt. Sie zitiert einen Ausspruch von Abba Moses, der einem Bruder auf die Bitte um ein geistliches Wort zurück in seine Zelle schickte: „Deine Zelle wird dich alles lehren“ (S. 15).
„Kontemplation beginnt, wenn wir lernen, die Augen für das Offensichtliche zu öffnen“, ist ihre Übersetzung der Weisung von Abba Moses. Es kommt darauf an, aufmerksam durch den Alltag zu gehen, auf den Gesang der Vögel zu hören, die Veränderungen in der Natur wahrzunehmen und die Gesichter unserer Mitmenschen.
Alles, was ist, geschieht in der Gegenwart Gottes. Dann geschieht auch der Alltag in der Gegenwart Gottes, das Kochen, Bügeln und Waschen genauso wie das Mitarbeitergespräch oder die E-Mail an einen unzufriedenen Kunden. Die spirituelle Dimension des Alltags öffnet sich, wenn ich mir in jeder Situation die Frage stelle: Was zeigt sich in dieser Situation von Gott? Und welche Reaktion verlangt Gott hier von mir?
Ein Wüstentag
Schwierig? Jedenfalls braucht es dazu etwas Übung, Training oder griechisch: Askese. Die Fastenzeit ist eine gute Gelegenheit dazu. Nehmen Sie sich einen Tag Zeit und gehen Sie in die Wüste. Oder planen Sie mehrere Termine ein, an denen Sie bei sich sein können. Anregungen für diese Zeit finden Sie in Chittisters Buch oder in Andrea Schwarz‘ Buch „Mehr leben!“, das von der Geschichte des Propheten Elia inspiriert ist. Auf unserer Medienliste finden Sie noch weitere Titel, mit denen Sie ihre Wüstenzeit gestalten können.
Zum Schluss sollen noch einmal ein Wüstenvater und Joan Chittister das Wort haben: Abba Sisoes sagte: „Suche Gott, und nicht danach, wo er lebt.“ Für Joan Chittister heißt das: Wir brauchen keine spezielle Technik, um Gott zu finden, kein Yoga, keine Meditation, keine Pilgerfahrt. „Gott ist hier und das Leben ist da, um gelebt zu werden.“ (S. 14) Es kommt darauf an, wie wir es leben.
Christoph Holzapfel