Wolfgang Frühwald ist ohne Frage eine der schillerndsten Gestalten der deutschen Kultur- und Bildungslandschaft. Der lange Jahre in München lehrende, in Augsburg lebende Germanist war oder ist nicht nur Mitglied zahlreicher in- wie ausländischer Akademien und Wissenschafsverbände, er war zudem unter anderem Vorsitzender der bischöflichen Studienstiftung Cusanuswerk, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Alexander-von-Humboldt-Stiftung. Dass jemand wie er zu zahleichen Vorträgen, Aufsätzen und Statements zu unterschiedlichsten Themen gebeten wird, liegt auf der Hand. Nun liegen zwei Bände vor, in denen derartige Beiträge aus den letzten Jahren inhaltlich gruppiert zusammengestellt wurden.
"Das Gedächtnis der Frömmigkeit" erscheint in der renommierten Reihe des Verlags der Weltreligionen. Angesichts der vermeintlichen "Wiederkehr der Religionen" in der postmodernen Gesellschaft werden hier unterschiedliche Dimensionen von Religion in Geschichte und Gegenwart ausgeleuchtet und in den gesellschaftlichen Diskurs eingespeist. Was für eine Chance also: Die Beziehung von Religion und Literatur unter dem Aspekt der "Frömmigkeit" auszuloten! Wer eine geschlossene Darstellung und Bündelung erwartet, wird jedoch enttäuscht. Dass es sich um eine Aufsatzsammlung von verstreut erschienenen Beiträgen handelt, wird erst bei genauem Lesen deutlich. Diese lohnen freilich der Lektüre: Fasziniert folgt man dem Autor von Friedrich Spee zu Sophie von La Roche, von Clemens Brentano und Joseph von Eichendorff zu Adalbert Stifter, von Reinhold Schneider zu Elisabeth Langgässer, von Alfred Döblin zu Albrecht Goes - um nur einige Stationen auf der angebotenen Lesereise zu nennen. Dazu gesellen sich thematisch orientierte Aufsätze etwa zur Tradition der katholischen Literatur oder zum "freiwilligen Tod der Dichter".
In all diesen Beiträgen wird Frühwalds stupende Textkenntnis genau so deutlich wie seine Fähigkeit zu feinsinniger Analyse und weitblickender Deutung. Trotzdem bleibt am Ende der Eindruck einer verpassten Chance. Eine wirkliche Nachzeichnung der Geschichte von Religion in Literatur bleibt aus, ist angesichts des eben nur mosaikartigen Zugangs auch nicht möglich. Und vor allem: Der im Untertitel versprochene Blick auf die Gegenwart findet sich bestenfalls in Ansätzen. Schade, der reiche Ertrag aktueller religiöser Tendenzen in der Literatur unserer Zeit bleibt außen vor: zwar finden sich vielversprechende Ausführungen zu Tankred Dorst, aber nur ein Seitenvermerk zu Arnold Stadler; nichts zu Ernst Jandl, Patrick Roth, Ralf Rothmann, Michael Krüger und all den anderen religiös neugierigen literarischen Zeitgenossen, nichts zur der breiten Strömung religiös unbefangener - eben auch religiöser - Sprachsuche in der neueren Lyrik. Zudem unterbleibt der interdisziplinäre Brückenschlag zur Theologie, vor allem zur ertragreichen Dialogdisziplin von "Theologie und Literatur", die gerade zu diesem Thema herausfordernde Erkenntnisse vorgelegt hat. Also: Spannende Lesefrüchte zu einzelnen AutorInnen findet man hier, auf einen Gesamtentwurf, der vor allem auch die Gegenwart detailliert ausleuchtet, muss man noch warten.
"Wieviel Wissen brauchen wir?" kommt im Anspruch bescheidener daher. Dass es sich hier um gesammelte Aufsätze und Reden handelt, ist sofort klar. Der inhaltliche Bogen spannt sich weit aus: Beiträge zu aktuellen Fragen der Bildung (zur Situation von Schule damals und heute, zum Stand der Geisteswissenschaften) stehen neben Reden zu Jubiläen großen Institutionen wie etwa zum 25-jährigen Jubiläum des Wissenschaftskollegs in Berlin. Die Aufsätze unter dem Leitwort "Gedächtnis" widmen sich einerseits der Shoah, andererseits der Veränderungen durch die 68er Generation. Unter der Überschrift "Probleme" werden Einzelfragen wie die ökologische Krise oder ein heute mögliches Verständnis von Schöpfung neben einen innovativ-kreativen Überblick über "Physiker in der Literatur" gestellt. Die abschließenden Texte zur "Ethik" schließlich leuchten aktuelle Fragen der Kulturethik aus. Das Panorama der Beiträge ermöglicht den Lesenden einen unmittelbaren Einblick in zentrale Streitfragen und Themenfelder der aktuellen Diskurse in Bildung und Kultur.
In beiden Sammelbänden tritt der Autor Frühwald den Lesenden als einer der vielleicht letzten großen Geisteswissenschaftler entgegen, der sich nicht in Spezialisierungen flüchtet, sondern das alte Ideal der universitas pflegt. Bildung erscheint hier weder als Selbstzweck noch als empirisch messbare, auf unmittelbaren Ertrag hin überprüfbare Dimension. Der ständig präsente, direkte oder hintergründige Bezug auf Religion und Ethos wirkt wie ein Plädoyer gegen die weltanschaulich und moralisch oft so beliebig und unverbindlich scheinende Vielfalt der Postmoderne. Dieser wertbewahrende aber weltoffene Grundzug wird nicht gepredigt oder aufgedrängt. Frühwald lädt vielmehr auf sensible und kompetente Weise zu individuellem Nachdenken, zu fundierter Reflexion und eigener Urteilsbildung ein. Georg Langenhorst