14.06.2012

Preisverdächtig!

Das Seminar vermittelt Praxiskonzepte zu den nominierten Titeln des Deutschen Jugendliteraturpreises. Im Rahmen dreier unterschiedlicher Workshops werden kreative Vermittlungsmethoden zu den Nominierungen in den Sparten Bilder-, Kinder- und Jugendbuch erarbeitet. [mehr]

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„Wenn wir nicht ab und zu was Verrücktes tun, können wir uns gleich begraben lassen." Mit diesen Worten kommentiert eine Kellnerin Harolds Vorhaben, zu Fuß 1000 Kilometer quer durch England zu laufen. Dadurch will er eine ehemalige Arbeitskollegin vor dem Krebstod retten, bei der er tief in der Schuld steht. Mich hat der Satz angesprochen, weil er von der Sehnsucht nach Lebendigkeit spricht, die in jedem Menschen wohnt. weiter

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Einer der letzten großen Geisteswissenschaftler

Georg Langenhorst über zwei Sammelbände von Wolfgang Frühwald

Wolfgang Frühwald ist ohne Frage eine der schillerndsten Gestalten der deutschen Kultur- und Bildungslandschaft. Der lange Jahre in München lehrende, in Augsburg lebende Germanist war oder ist nicht nur Mitglied zahlreicher in- wie ausländischer Akademien und Wissenschafsverbände, er war zudem unter anderem Vorsitzender der bischöflichen Studienstiftung Cusanuswerk, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Alexander-von-Humboldt-Stiftung. Dass jemand wie er zu zahleichen Vorträgen, Aufsätzen und Statements zu unterschiedlichsten Themen gebeten wird, liegt auf der Hand. Nun liegen zwei Bände vor, in denen derartige Beiträge aus den letzten Jahren inhaltlich gruppiert zusammengestellt wurden.

"Das Gedächtnis der Frömmigkeit" erscheint in der renommierten Reihe des Verlags der Weltreligionen. Angesichts der vermeintlichen "Wiederkehr der Religionen" in der postmodernen Gesellschaft werden hier unterschiedliche Dimensionen von Religion in Geschichte und Gegenwart ausgeleuchtet und in den gesellschaftlichen Diskurs eingespeist. Was für eine Chance also: Die Beziehung von Religion und Literatur unter dem Aspekt der "Frömmigkeit" auszuloten! Wer eine geschlossene Darstellung und Bündelung erwartet, wird jedoch enttäuscht. Dass es sich um eine Aufsatzsammlung von verstreut erschienenen Beiträgen handelt, wird erst bei genauem Lesen deutlich. Diese lohnen freilich der Lektüre: Fasziniert folgt man dem Autor von Friedrich Spee zu Sophie von La Roche, von Clemens Brentano und Joseph von Eichendorff zu Adalbert Stifter, von Reinhold Schneider zu Elisabeth Langgässer, von Alfred Döblin zu Albrecht Goes - um nur einige Stationen auf der angebotenen Lesereise zu nennen. Dazu gesellen sich thematisch orientierte Aufsätze etwa zur Tradition der katholischen Literatur oder zum "freiwilligen Tod der Dichter".

In all diesen Beiträgen wird Frühwalds stupende Textkenntnis genau so deutlich wie seine Fähigkeit zu feinsinniger Analyse und weitblickender Deutung. Trotzdem bleibt am Ende der Eindruck einer verpassten Chance. Eine wirkliche Nachzeichnung der Geschichte von Religion in Literatur bleibt aus, ist angesichts des eben nur mosaikartigen Zugangs auch nicht möglich. Und vor allem: Der im Untertitel versprochene Blick auf die Gegenwart findet sich bestenfalls in Ansätzen. Schade, der reiche Ertrag aktueller religiöser Tendenzen in der Literatur unserer Zeit bleibt außen vor: zwar finden sich vielversprechende Ausführungen zu Tankred Dorst, aber nur ein Seitenvermerk zu Arnold Stadler; nichts zu Ernst Jandl, Patrick Roth, Ralf Rothmann, Michael Krüger und all den anderen religiös neugierigen literarischen Zeitgenossen, nichts zur der breiten Strömung religiös unbefangener - eben auch religiöser - Sprachsuche in der neueren Lyrik. Zudem unterbleibt der interdisziplinäre Brückenschlag zur Theologie, vor allem zur ertragreichen Dialogdisziplin von "Theologie und Literatur", die gerade zu diesem Thema herausfordernde Erkenntnisse vorgelegt hat. Also: Spannende Lesefrüchte zu einzelnen AutorInnen findet man hier, auf einen Gesamtentwurf, der vor allem auch die Gegenwart detailliert ausleuchtet, muss man noch warten.

"Wieviel Wissen brauchen wir?" kommt im Anspruch bescheidener daher. Dass es sich hier um gesammelte Aufsätze und Reden handelt, ist sofort klar. Der inhaltliche Bogen spannt sich weit aus: Beiträge zu aktuellen Fragen der Bildung (zur Situation von Schule damals und heute, zum Stand der Geisteswissenschaften) stehen neben Reden zu Jubiläen großen Institutionen wie etwa zum 25-jährigen Jubiläum des Wissenschaftskollegs in Berlin. Die Aufsätze unter dem Leitwort "Gedächtnis" widmen sich einerseits der Shoah, andererseits der Veränderungen durch die 68er Generation. Unter der Überschrift "Probleme" werden Einzelfragen wie die ökologische Krise oder ein heute mögliches Verständnis von Schöpfung neben einen innovativ-kreativen Überblick über "Physiker in der Literatur" gestellt. Die abschließenden Texte zur "Ethik" schließlich leuchten aktuelle Fragen der Kulturethik aus. Das Panorama der Beiträge ermöglicht den Lesenden einen unmittelbaren Einblick in zentrale Streitfragen und Themenfelder der aktuellen Diskurse in Bildung und Kultur.

In beiden Sammelbänden tritt der Autor Frühwald den Lesenden als einer der vielleicht letzten großen Geisteswissenschaftler entgegen, der sich nicht in Spezialisierungen flüchtet, sondern das alte Ideal der universitas pflegt. Bildung erscheint hier weder als Selbstzweck noch als empirisch messbare, auf unmittelbaren Ertrag hin überprüfbare Dimension. Der ständig präsente, direkte oder hintergründige Bezug auf Religion und Ethos wirkt wie ein Plädoyer gegen die weltanschaulich und moralisch oft so beliebig und unverbindlich scheinende Vielfalt der Postmoderne. Dieser wertbewahrende aber weltoffene Grundzug wird nicht gepredigt oder aufgedrängt. Frühwald lädt vielmehr auf sensible und kompetente Weise zu individuellem Nachdenken, zu fundierter Reflexion und eigener Urteilsbildung ein. Georg Langenhorst

Zur Person

Georg Langenhorst ist Theologe und Professor für Didaktik des Religionsunterrichts an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Augsburg. Er hat sich in den letzten Jahren intensiv mit dem Verhältnis von Theologie und Literatur beschäftigt. Als Frucht dieser Beschäftigung hat er 2007 das Lesebuch “Christliche Literatur für unsere Zeit” herausgegeben.

Die besprochenen Bücher[mehr]

Das Gedächtnis der Frömmigkeit

von Wolfgang Frühwald
VERLAG DER WELTRELIGIONEN IM INSEL VERLAG(2008)
Hardcover
Religion, Kirche und Literatur in Deutschland. Vom Barock bis zur Gegenwart ISBN-10: 3458710094 ISBN-13: 9783458710097 MedienNr.: 295500 22.80 €

Wieviel Wissen brauchen wir?

von Wolfgang Frühwald
BERLIN UNIVERSITY PRESS(2007)
Hardcover
Politik, Geld und Bildung ISBN-10: 3940432032 ISBN-13: 9783940432032 MedienNr.: 559860
Führen wir nicht bzw. nicht mehr. 29.80 €
Borro-Rezension

Gesammelte Aufsätze und Reden zu aktuellen Themen aus Bildung und Kultur.

“Wie viel Wissen brauchen wir?” enthält gesammelte Reden und Aufsätze einer der schillerndsten Gestalten der deutschen Kultur- und Bildungslandschaft. Wolfgang Frühwald ist nicht nur Germanist, er war oder ist zudem Mitglied zahlreicher in- wie auslä [mehr]

Georg Langenhorst

Ebenfalls erwähnt[mehr]

Christliche Literatur für unsere Zeit

von Georg Langenhorst
VERLAG SANKT MICHAELSBUND(2007)
Hardcover
Fünfzig Leseempfehlungen ISBN-10: 3920821963 ISBN-13: 9783920821962 MedienNr.: 268787
Führen wir nicht bzw. nicht mehr. 19.90 €
Borro-Rezension

“Utopia” und der “Gottesdiener”: ein Sammelband sondiert das Christliche in der Literatur und gibt 50 fundierte Leseempfehlungen.

So umstritten der Begriff “christliche Literatur” ist, so präsent ist - gerade in der Gegenwartsliteratur - das Christliche in der Literatur. Der Augsburger Theologe Georg Langenhorst, in diesem Bereich bestens ausgewiesen, hat deshalb gut daran geta [mehr]

Michael Braun
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