Eine Zeit der Besinnung und der Stille soll er sein, der Advent. Meine Erfahrung ist allerdings, dass die Adventszeit leicht zu einer Stresszeit wird, weil die Weihnachtsvorbereitungen den ohnehin schon nicht langweiligen Alltag noch zusätzlich füllen. Plätzchen backen, Geschenke einkaufen, Nikolausfeier im Kindergarten, Weihnachtspost schreiben, Vorbereitungen für das Krippenspiel am Heiligen Abend … Und als ob das nicht schon genug wäre, geht es an den Weihnachtsfeiertagen oft munter weiter: ein besonderes Essen, natürlich selbst gekocht, Besuche und Erwartungen der Familie … Der Wunsch nach Besinnlichkeit und Stille bleibt darüber schnell auf der Strecke, am Ende fragt man sich schließlich: wozu das Ganze?
Weihnachtsstress
Sicher, es fehlt nicht an Büchern, die mit meditativen Texten und Übungen, mit wohlmeinenden Ratschlägen zur Entschleunigung Raum für mehr Besinnlichkeit schaffen wollen. Seltsamerweise kann gerade das aber zu noch mehr Stress führen. Denn bei allen Versuchen, die Advents- und Weihnachtstage zu entschleunigen und sich auf Wesentliches zu konzentrieren, bleibt doch genug zu tun, auf das man für die eigene Weihnachtsvorbereitung nicht verzichten möchte. Für mich gehören z.B. Plätzchen backen und Weihnachtspost schreiben unbedingt dazu. Und Weihnachtsgeschenke kann ich auch erst im Advent kaufen; ich bin nicht in der Lage, mir vorher schon Gedanken darum zu machen. Auch Familienbesuch und ein besonderes Essen am ersten Feiertag will ich nicht missen. Plätzchen, Familienbesuche und Weihnachtspost wurzeln zum einen natürlich in Kindheitserinnerungen. Zum anderen sehe ich sie inzwischen als Zeichen der Freude über die Geburt Jesu, die ich durch besonderes Gebäck, gemeinsames Feiern und Weihnachtsgrüße ausdrücken kann. Wenn ich mich unter Kollegen und Bekannten umhöre, geht es vielen von ihnen ähnlich. Auch sie stellen alle Jahre wieder fest, dass sie auf bestimmte Traditionen der Advents- und Weihnachtszeit nicht verzichten möchten, auch wenn sie nachher über den alljährlichen Weihnachtsstress stöhnen. Was kann man unter diesen Umständen tun, wenn nicht erst die stille Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr Raum für Besinnlichkeit bieten soll?
Gott im Alltag
Einen Denkanstoß fand ich in Annegret Hiekischs Buch „Dem Geheimnis auf der Spur“, das wir im April als Religiöses Buch des Monats empfohlen haben. Hiekisch beschreibt darin eine familientaugliche Spiritualität, die Gott im Alltag findet. Dazu erinnert sie an einen Ausspruch von Teresa von Avila, einer Ordensfrau aus dem 16. Jh.: „Inmitten all der Kochtöpfe erwartet euch der Herr.“ Will sagen: Gott lässt sich nicht nur in Gebet und Meditation finden, sondern ist mitten im Alltag unter uns. Die Schriftstellerin Lene Meyer-Skumanz hat diese Erfahrung in eine sehr anschauliche Geschichte gefasst. Sie erzählt von einem Mann, der erfährt, dass Gott ihn zu Hause besuchen will. Bei einem prüfenden Blick in seine Wohnung stellt er fest, dass er Gott in diesem Chaos auf keinen Fall empfangen kann. Er bittet Freunde und Nachbarn, ihm beim Aufräumen und Putzen zu helfen. Tatsächlich kommt ihm jemand zu Hilfe. Sie putzen und räumen den ganzen Tag. Als die Wohnung am Abend schließlich geputzt und aufgeräumt ist, gehen die beiden in die Küche und bereiten das Abendessen vor. „So", sagte der Mann, „jetzt kann er kommen, mein Besuch! Jetzt kann Gott kommen. Wo er nur bleibt?" – „Aber ich bin ja da!" sagte der andere und setzte sich an den Tisch. „Komm und iss mit mir!"
Auf diese Weise ändert sich die Bewertung des Weihnachtsstresses. Wenn Gott inmitten der Weihnachtsvorbereitungen immer schon da ist, muss man nicht noch mühsam Raum für Gott schaffen. Früher nannte man das „Eine gute Meinung machen“, also etwas im Bewusstsein tun, dass es für Gott getan wird. Das soll kein Plädoyer sein, die Adventszeit einfach an sich vorbeirauschen zu lassen. Es geht darum, Weihnachtsfeiern, Geschenke besorgen und Plätzchen backen nicht als notwendiges Übel zu betrachten, als Aktivitäten, die der eigentlichen, sprich der geistlichen Vorbereitung auf Weihnachten im Weg stehen, sondern sie bewusst als Einstimmung auf das Fest zu sehen. Wenn es dann doch gelingt, Raum für Stille und Besinnung zu schaffen, ist das sozusagen das Sahnehäubchen.
Fest der Menschwerdung Gottes
Außerdem mag es hilfreich sein, sich bewusst zu machen, wozu der ganze Aufwand gut ist: um das größte Geburtstagsfest der Welt zu feiern und der Freude über die Menschwerdung Gottes Ausdruck zu verleihen. Aus Freude über dieses Geschenk Gottes beschenken sich die Menschen, aus Freude darüber wollen sie gemeinsam feiern und sich selbst als Familie erfahren. Deshalb ist Weihnachten ein Familienfest. Hier droht die nächste Stressfalle. Denn natürlich wünscht sich jeder ein harmonisches Fest. Doch die vermeintlichen oder tatsächlichen Erwartungen der anderen und die Ansprüche, die man an sich selbst stellt, führen oft zum Gegenteil von Harmonie. Hier hilft nur, sich selbst gegenüber ehrlich zu sein. Was will ich? Was kann ich leisten? Möglichst klärt man schon frühzeitig vor den Feiertagen, welche Vorstellungen die Mitglieder der eigenen Familie haben und welche Möglichkeiten es gibt, den Festtagsstress zu reduzieren. Harmonie kann man nicht herbeizwingen, aber man kann die Reibungsflächen verkleinern, wenn man bekannte Konfliktherde rechtzeitig anspricht: Welche Erwartungen haben Sie an sich selbst, welche an Ihren Partner und Ihre Kinder? Welche Erwartungen haben Partner und Kinder umgekehrt an das Fest? Wie viel Familie muss sein, wer braucht welche Möglichkeiten zum Ausgleich? Wie groß soll der Aufwand sein, der für das Weihnachtsessen betrieben wird – und wer hilft mit? Diese Fragen im Vorfeld zu klären, ist keine Garantie für ein frohes Fest; aber es ist sicher besser, als absehbare Konflikte auf sich zukommen zu lassen und darauf zu hoffen, dass sich dann schon eine Lösung findet.
Der innere Stall von Bethlehem
Oft sind es die kleinen Dinge, die aus dem Weihnachtsstress wieder Weihnachtsvorbereitungen werden lassen. Gönnen Sie sich z.B. einen inneren Ort der Ruhe, eine Art inneren Stall von Bethlehem, der Sie auch im größten Stress an das Weihnachtsgeheimnis erinnert. Das kann ein schönes Buch sein, dass Sie sich bewusst für die Adventszeit ausgesucht haben – und vielleicht mit Ihrem Partner/Ihrer Partnerin oder Ihren Kindern gemeinsam lesen, das kann ein Ritual sein, am Morgen oder am Abend, z.B. die Kerze(n) auf dem Adventskranz anzünden und mit den Familienmitgliedern, die dann zu Hause sind, ein Adventslied singen, das kann ein Gedanke aus einer Lesung oder einem Evangelium der Adventssonntage sein, ein Spaziergang – erlaubt ist alles, was ohne großen zeitlichen oder organisatorischen Aufwand möglich ist. Auf diese Weise erhalten die Weihnachtsvorbereitungen ein geistliches Fundament. In unseren Medienempfehlungen finden Sie dazu die ein oder andere Anregung.
Letztlich aber kann man die Weihnachtsstimmung nicht herstellen, nur vorbereiten und Raum dafür schaffen. Ob sie sich dann einstellt und ob Gott an Weihnachten im Herzen eines Menschen Mensch wird, bleibt letztlich das Geschenk Gottes.
Christoph Holzapfel