Dass sich ein junger Mann zwischen ein dysfunktionales Paar drängt und sich in die verheiratete Frau verliebt, ist eine altbekannte Konstellation des Liebesdramas. Das Besondere an der Romanverfilmung „Wasser für die Elefanten” ist das Szenario: Nach dem tödlichen Unfall seiner Eltern findet der Immigrantensohn Jakob im amerikanischen Zirkusmilieu der 1930er-Jahre Anschluss. Er springt unwissend auf den Zug des Zirkus auf und entkommt dem Rauswurf durch seine Kenntnisse in Veterinärmedizin. Schnell lernt er die Pferdeartistin Marlena kennen, die auch die Frau des Direktors August ist. Jakob ist sanftmütig, abwartend und beobachtend, zumindest bis sich sein Entschluss formt, die Artistin für sich zu gewinnen.
Jakob ist zwar die Hauptfigur, doch Christoph Waltz als Zirkusdirektor August Rosenbluth hat mit Abstand die interessanteste Rolle: ein charismatischer Machtmensch, der seine Arbeiter ohne Not auch aus dem fahrenden Zug stößt, wenn ihm jemand überflüssig erscheint. Ein Impresario, der mit Mühe und Härte versucht, sein Unternehmen zusammen zu halten. Doch gerade mit dieser Figur hat der Film große Schwierigkeiten: Die in ihm schlummernde Brutalität und der wilde Jähzorn, der Marlena alsbald in die Arme Jakobs treibt, werden zwar angedeutet; das Doppelbödige in August wird aber nicht deutlich genug entwickelt, um ihn als authentische Figur wahrzunehmen - wenn seine Stimmung kippt, dann wirkt es mehr als Stichwort in einem Drehbuch denn als die echte Gefühlsregung eines Menschen.
So wird diese an sich spannende Figur dramaturgisch und wenig glaubwürdig herunter gestutzt auf ihre Funktion als Antagonist für das Liebespaar, was nur ein Beispiel dafür ist, wie der Film versucht, einem jungen Publikum schlichte Reaktionen abzutrotzen, anstatt psychologisch differenzierte Porträts zu entwerfen. Ähnliches gilt für die Beobachtung der Liebenden; denn die Leidenschaft, die der Film bei Jakob behauptet, reduziert sich meist auf sehnsuchtsvolle Blicke aus dem Verborgenen. Darin ist Robert Pattinson als blasser Vampir der „Twilight“-Filme bestimmt nicht ungeübt, aber echte Spannung wird so nicht erzeugt. Seltsam brav und bieder, ja steril bleibt diese Liebe, die ihren erotischen Höhepunkt in einem gemeinsamen Tanz hat. Gänzlich eindimensional wirkt Marlena, die als heimatloses Findelkind von August aufgelesen wurde und nun als Ehefrau, zur Flucht selbst nicht fähig, still auf Rettung hoffen muss. Eine Rolle, die Reese Witherspoon klar unterfordert – von den wenigen artistischen Nummern vielleicht einmal abgesehen. Die Einfachheit der Geschichte, die gelegentlich in süßliches Kitschkino abzugleiten droht, ist dabei wohl weniger Drehbuchautor Richard LaGravenese zu schulden, als der Romanvorlage selbst. Dennoch hat „Wasser für die Elefanten“ seine Meriten; denn auch wenn die Figurenzeichnung und deren Entwicklung wenig originell sind, vermittelt die Inszenierung eine sehr dichte Zirkus-Atmosphäre. Die genaue Bebilderung der Andersartigkeit dieser Lebenswelt ist bemerkenswert, wobei sich der Film große Mühe gibt, dem Zuschauer dieses reizvolle Ambiente zu eröffnen, ihn in die Terminologie, die Geheimnisse und das Geschäftsgebaren einzuführen. Tatsächlich wiegt dieser spannende, lebensvolle Hintergrund viele Schwächen der Hauptgeschichte auf. Vergegenwärtigt man sich, dass der Film auf ein jüngeres Publikum zugeschnitten ist, das vielleicht noch nicht bis zum Überdruss mit der hier durchdeklinierten Metrik des Liebesdramas vertraut ist, funktioniert der Film ganz gut. Was der Liebe an Sinnlichkeit fehlt, macht die Lust am Zirkus wett.
Sascha Koebner / film-dienst