Seit im Frühjahr 2006 der erste Band von Stephenie Meyers „Bis(s)“-Romanen auf den Markt kam, haben Vampir- und Werwolffiguren in der Jugendliteratur einen regelrechten Boom erlebt. Viele Verlage bemühen sich im Kielwasser von Meyers Erfolgsroman, Lesefutter für die Fans der Blut saugenden oder ihre Gestalt wandelnden Helden anzubieten. Grund genug, kurz nach dem Erscheinen des letzten Bis(s)-Bandes den Versuch einer Bestandsaufnahme zu unternehmen und den Fragen nachzugehen, welche Verlage mit Vampir- und Werwolfliteratur aufwarten, was typisch für Vampirromane und ihre Helden ist oder wie es um die literarische Qualität der Texte bestellt ist.
Ein Blick in die Verlagslandschaft
Kaum ein namhafter Jugendbuchverlag hat darauf verzichtet, seit dem Erscheinen der „Bis(s)“-Bände eigene Vampir- oder Werwolfromane auf den Markt zu bringen. Lediglich bei Carlsen findet sich in dieser Sparte fast nichts – aber warum Kopien auf den Markt bringen, wenn man das Original herausgebracht hat? Mit Vampir- oder Werwolfromanen unterschiedlichster Couleur, teils historisch, teils in der Gegenwart angesiedelt, warten z.B. Ueberreuter, cbj oder Fischer Schatzinsel und Arena auf. Mit einer immensen Titelanzahl wird die Sparte vom Egmont-Verlag Lyx und dessen Label Label Fantasy Romance bedient. Viele dieser Titel kommen zwar nicht als an Jugendliche adressierte Literatur auf den Markt, werden aber sicherlich von ihnen gelesen. Ähnlichkeiten zu Fernsehserien wie „Buffy im Bann der Dämonen“ sind gewünscht.
Graf Dracula und seine zeitgenössischen Artverwandten
1897 schafft der Engländer Bram Stoker mit dem transsilvanischen Grafen einen literarischen Ur-Vampir und die Grundlage für aktuelle Vampirgeschichten. Graf Dracula zeichnet sich durch Vampir-Eigenschaften aus, die Stoker in alten Vampirlegenden und -mythen fand. Er ist als Untoter seinem Grab entstiegen, ernährt sich von Menschenblut. Dracula hat große weiße Zähne, tief rote Lippen, bekommt beim Anblick von Blut einen gierigen Gesichtsausdruck und hat kein Spiegelbild. Er schläft in einem mit Erde gefüllten Sarg und ist nachtaktiv. Wirksame Abwehrmaßnahmen sind Knoblauch oder Kruzifixe.
Nun mag es etwas gewagt erscheinen, unter Vernachlässigung von mehr als 100 Jahren literarischer Vampirgeschichte einen Bogen von Bram Stoker zu aktuellen Vampirromanen für Jugendliche zu schlagen, aber der Ur-Vampir und seine heutigen literarischen Artgenossen haben durchaus Gemeinsamkeiten.
Wie Graf Dracula benötigen auch moderne Vampire grundsätzlich Blut um sich zu ernähren. Einige von ihnen verzichten jedoch darauf, Menschenblut zu trinken und haben nach passenden modernen Alternativen gesucht: Sie ernähren sich von Tierblut oder stillen ihren Blutdurst mit zinkhaltigen Lebensmitteln wie rohen Austern oder Sojabohnen. Oft sind es die bösen oder unsympathischen Vampire, die sich von Menschenblut ernähren, während die guten oder sympathischen Ernährungsalternativen gefunden haben. Im Gegensatz zu Dracula, der ausschließlich nachtaktiv ist, müssen nicht alle modernen Vampire das Sonnenlicht meiden. Von Menschen unterscheiden sie sich körperlich in einem wesentlichen Punkt: sie sind von außergewöhnlicher Schönheit, einige von ihnen haben außerdem eiskalte oder diamantenharte Körper. Vampire leben zumeist mehr oder weniger unauffällig innerhalb der menschlichen Gesellschaft. Sie haben untereinander enge Netzwerke geknüpft und teils eigene Regeln, über deren Einhaltung sorgfältig gewacht wird. Sie wollen von den Menschen nicht als Vampire erkannt werden und müssen, da sie nicht altern, häufig ihren Wohnsitz wechseln, den eigenen Tod vortäuschen oder die Identität wechseln.
Doch Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel: In Rachel Caines „Haus der Vampire. Verfolgt bis aufs Blut“ (Arena 2009) leben die Vampire keineswegs unauffällig, sondern terrorisieren in der Stadt Morganville die Menschen und haben einen veritablen Überwachungsstaat errichtet. Sie ernähren sich ausschließlich von Menschenblut: Familien, die unter ihrem Schutz stehen, müssen regelmäßig Blut spenden und die Studenten am College der Stadt werden als Nahrungsmittelvorrat gehalten.
Auch die Bekämpfung und Vernichtung von Vampiren wird immer in der einen oder anderen Art und Weise thematisiert. Die Bandbreite der Vernichtungsmöglichkeiten reicht vom Erschießen mit silbernen Pistolenkugeln bis zum Zerstückeln und Verbrennen. Und wo vernichtet werden kann, kann man sich auch vermehren: Die meisten Vampire können durch ihren Biss Artgenossen schaffen.
Seit Graf Dracula sind vor allem die in der Moderne lebenden literarischen Vampirgestalten etwas modernisiert worden, die in historisch angelegten Texten weitaus weniger. Jeder Autor hat eine ganze eigene Vampirspezies geschaffen, die mit denen aus anderen Romanen nur begrenzt vergleichbar ist und sich durch eine jeweils spezifische Kombination vampirischer Eigenschaften auszeichnet.
Romanzen zwischen Mensch und Vampir
Nach dem großen Erfolg der Liebesgeschichte zwischen Bella Swan (Mensch) und Edward Cullen (Vampir) aus Stephenie Meyers „Bis(s)“-Bänden sind Romanzen zwischen Mensch und Vampir zu einem wichtigen Motiv geworden.
Bellas und Edwards Liebesgeschichte erstreckt sich vom ersten Kennenlernen auf der Highschool bis zur Geburt ihres Halbvampirkindes und Bellas erfolgreicher Verwandlung. Bei allem Bemühen kann die Beziehung der beiden nur dann Zukunft haben, wenn sie beide Vampire sind. Für den Menschen Bella wäre die Liebe zu Edward auf Dauer lebensbedrohlich. Nicht nur, dass Vampire deutlich stärker sind als Menschen, was vor allem die sexuelle Beziehung der beiden verkompliziert (Bd. 4), auch müsste sich Bella ständig vor dem Blutdurst ihrer Vampir-Familie in Acht nehmen und würde darüber hinaus eine Regel der Vampirwelt verletzen: Beziehungen zwischen Mensch und Vampir sind nicht geduldet, Regelverstöße werden geahndet.
Liebesgeschichten zwischen Mensch und Vampir finden sich außerdem in der „Vampyr“-Trilogie im Schottland des 18. Jahrhunderts verliebt sich eine Vampirjägerin in den letzten noch existierenden Vampir. Auch Susan Hubbards „Das Zeichen des Vampirs“ (cbj 2009) bietet eine Liebesgeschichte zwischen Mensch und Vampir, aus der ein Halbvampirkind entsteht – doch diese spielt in der Romanhandlung nur eine Nebenrolle. Variiert ist das Thema in Patricia Schröders „Vollmondkuss“ (Fischer Schatzinsel 2008), wo ein Liebespaar aus Mensch und Halbvampir nur auf Umwegen zu seinem Glück findet.
Stephenie Meyer hat gezeigt, dass die Liebe zwischen Mensch und Vampir als Plot gut funktioniert und viele andere haben es ihr nachgemacht. Gemeinsam ist allen Liebesgeschichten, dass für deren Zukunftsfähigkeit einer der beiden Partner die Spezies wechseln muss. Einige Autoren zeigen jedoch auch, dass ein Vampirroman nicht zwangsläufig eine Liebesgeschichte braucht, um spannend zu sein.
Literarische Qualität
Die literarische Qualität der Vampirromane ist durchaus unterschiedlich. Bestes Beispiel hierfür ist Stephenie Meyer. Nach einem ersten Band, der mit überzeugend gestalteten Charakteren, einem detailliert ausgearbeiteten Plot, guten Ideen und einer spannenden Erzählstruktur überzeugt, können die weiteren Bände mit Teil 1 nicht mehr mithalten. Neben der Geschmacklosigkeit eines mit Vampirzähnen vorgenommenen Kaiserschnitts schildert sie in Band 4 „immergleiche Gefühlsregungen und Handlungsweisen ihrer Protagonisten in kleinen Variationen so lange immer wieder aufs neue [...], bis selbst der hartgesottenste Fan von Bella und Edward an dem endlosen und ermüdenden Hin und Her schier verzweifelt.“ – treffender als Angelika Rockenbach in ihrer Besprechung für „Medienprofile“ kann man es nicht ausdrücken.
Susan Hubbard gelingt ein spannend konstruierter Roman, dem der Verzicht auf eine Romanze sehr gut tut. Ihre Vampirwelten sind detailliert und ideenreich ausgearbeitet, die Charaktere facettenreich gestaltet, so dass der auch hier vorhandene Gut-Böse-Gegensatz nicht zum Klischee verkommt, wie es in manch anderen Texten der Fall ist.
In der Qualität eher mäßig sind die weiteren bereits erwähnten Texte. Sie arbeiten stärker mit Klischees wie dem Gegensatz von Gut und Böse und sind erzählerisch wie sprachlich weniger anspruchsvoll. Vielfach leben sie weniger von ihrer literarischen Qualität als vom Kampf des Guten gegen das Böse, eben oft in Kombination mit einer handlungsbestimmenden Liebesgeschichte. Ein nicht unwichtiger Faktor in vielen Texten sind teils blutige und grausame Kämpfe – hier hat sicherlich jeder Leser seine eigene Schmerzgrenze, einigermaßen hartgesotten sollte man jedoch für die Lektüre aller Texte sein. Doch literarische Qualität ist natürlich nicht alles: Die Romane bieten solides Lesefutter und gute Unterhaltung für diejenigen, die nach ihrer ersten Vampirgeschichte mehr davon wollen.
Werwölfe
Ganz ähnlich wie mit den Vampiren verhält es sich mit literarischen Werwolfgestalten. Bekannt sind Legenden von Werwölfen bereits aus der Antike, einen besonders ausgeprägten Werwolfglauben gab es in den nordischen Ländern. Aktuelle Trendsetterin im Bereich Werwolf ist nicht unbedingt Stephenie Meyer, deren 3. Hauptfigur neben Bella und Edward der Werwolf Jacob ist, sondern Joanne K. Rowling mit den „Harry Potter“-Bänden. Weitere Werwolf-Literatur findet sich wiederum bei Ueberreuter oder beim Lyx-Verlag. Ebenso wie mit den Vampirmythen wird auch mit mythischen und legendären Eigenschaften der Werwölfe unterschiedlich umgegangen. Jede/r Autor/in hat eine individuelle Spezies kreiert. Ebenfalls findet das Motiv des Kampfs Gut gegen Böse Verwendung, auch auf Liebesgeschichten wird nicht unbedingt verzichtet. Die Zahl der Protagonisten, die ihre Gestalt wandeln können, ist jedoch weit geringer als die der blutsaugenden.
Versuch eines Fazits
Werwolf- und Vampirromane sind ein fester Bestandsteil der Fantasy-Literatur für Jugendliche. Insbesondere das Vampir-Segment hat sich nach dem Erfolg der Bis(s)-Romane vergrößert. Einen vergleichbaren Erfolg – Bella und Edward haben eine eigene Website und der 1. Band wurde gerade verfilmt – kann jedoch bislang kein Titel aufweisen; jedoch ist ausreichend ähnliche Literatur auf dem Markt, die den Lesehunger von Vampir-Fans stillt.
Mit Blick auf die Frühjahrs-Neuerscheinungen scheinen Vampir- und Werwolfromane als spezielle Ecke der Fantasy-Literatur für Jugendliche ein stabiles, immer noch wachsendes Marktsegment zu sein. Auf der Leipziger Buchmesse, die ein wichtiger Sensor für den aktuellen Kinder- und Jugendbuchmarkt ist, wurde dieses Segment trotz einer erklecklichen Zahl an Neuerscheinungen allerdings nicht ausgesprochen prominent präsentiert.
Im Kinderbuch scheint derzeit die Zahl der Vampirromane höher zu sein als im Jugendbuch. Diese Texte haben jedoch eine gänzlich andere Machart: sie haben keine Horror-Elemente, kombinieren häufig spannende mit witzig-unterhaltsamen und kommen zumeist ohne Liebesgeschichte aus.
Wer also spannende, romantische, manchmal auch blutige und brutale Unterhaltung mit Vampir- und Werwolfcharakteren sucht, findet derzeit eine reiche Auswahl an Titeln und kaum eine Bücherei mit einem stabilen Stamm jugendlicher Leser wird die Anschaffung von entsprechenden Titeln vermeiden können, sind diese erst einmal mit dem Edward-und-Bella-Virus infiziert und verlangen nach mehr.
Cornelia Klöter