Filmdienst-Rezension
Minderjährige Vampire im High-School-Ambiente stehen hoch im Kurs. Zumindest bei den blutjungen, lesenden Kinogängern, die Catherine Hardwickes erste Verfilmung der “Twilight”-Erfolgsromane von Stephenie Meyer an die Spitze des amerikanischen Box Office hievten. Noch nie sprang das Werk einer Regisseurin in der ersten Startwoche auf Platz eins, spielte binnen sieben Tagen rund 70 Millionen Dollar ein und war dabei derart auf sein Zielpublikum zurechtgeschnitten wie “Twilight - Bis(s) zum Morgengrauen”. Nun geht ein Raunen durch Hollywoods Produktionsgefilde, ob man angesichts des Ansturms Romantik-hungriger Besucherinnen nicht verstärkt für “weibliche” Interessen produzieren und diesen öfters eine derartige Identifikationsfigur darreichen sollte: “Twilight” ist eine von Entsagung geschwängerte Vampir-Romanze, ein Abstinenzfilm, der sich auch in seinem Blutfluss zurückhält. Dass dieser als Leinwand-Reanimation von Barbie und Ken, nur mit Reißzähnen bewaffnet, sämtliche Rekorde brach, ist beunruhigend, scheint der Reduktion konventioneller Gruselästhetik aber zunächst recht zu geben. Testosteron-gestärkte Köder wie tollkühne Actioneinlagen oder schockierender Horror-“Gore” weichen kitschigen Liebesgeständnissen und schüchternen Annäherungsversuchen in Slow Motion. Dabei werden die pubertären Probleme der jugendlichen Protagonisten ebenso ernst genommen wie die der Zuschauerinnen, nur wirkt das diesmal nicht authentisch, sondern vielmehr wie das Äquivalent einer verschwörerisch vor sich hin tuschelnden Mädchen-Clique.
Ein augenscheinlich vielversprechendes Erfolgsrezept, schließlich delektieren sich die zwölf bis 20-jährigen Nachfolgerinnen der “Buffy”-Generation schon seit 2005 äußerst zahlreich an der literarischen Schauerromantik eines vorenthaltenen, weil bissig-letalen Sexualakts. Dieser vollzieht sich diesmal gerade nicht zwischen der neu zugezogenen Isabella “Bella” Swan und dem “Vegetarier”-Vampir Edward Cullen. Führte die sexuelle Spannung zwischen Blutsauger und Jägerin in der auf Suspense und Erotik ausgelegten “Buffy”-Serie zu allerlei Identitätskrisen auf beiden Seiten, fungiert Edward mitsamt seiner elitären Familie als Beschützer von Bellas Hals und Hymen, als feindlich gesinnte Vampir-Vagabunden das empfindliche Nahrungsgleichgewicht vor Ort zu stören beginnen. Dass es sich bei ihrem anämischen Biologie-Partner mit den glühenden Augen und den übermenschlichen Kräften um einen Vampir handeln könnte, dämmert der unschuldig wehrlosen Bella allerdings erst dank Google und dem örtlichen Buchladen des benachbarten Indianer-Reservats, die den Cullens gegenüber gewisse historische Vorbehalte hegen.
An der alten Mär von der Notwendigkeit der Triebunterdrückung hatte sich Catherine Hardwicke schon in ihrer Inszenierung der weihnachtlichen Geburtsgeschichte, “Es begab sich aber zu der Zeit” (2006) die Zähne ausgebissen. Die eindringlichen Porträts von Heranwachsenden in “Dreizehn” (2003) und “Lords of Dogtown” (2005) skizzierte sie hingegen mit viel Fingerspitzengefühl. Pubertät und Vampirismus als Zustände des Außenseitertums im Zeichen einer zunehmenden Vorliebe für nächtliche Aktivitäten passen so gesehen auch nicht schlecht zusammen, allein das mitschwingende Pathos wurde von Buffy wesentlich schlagkräftiger abgefedert. Hardwickes Interpretation wirkt dagegen eher wie ein Konglomerat ihrer filmischen Vorarbeit: Bellas schwierige Eingewöhnungsphase im verregneten Nest Forks im Staate Washington, in dem das Scheidungskind mit seinem schweigsamen Vater landet, wird umsichtig entfaltet. Die Romanze selbst wirkt bieder und einer schwülstigen Teenie-Fantasie entsprungen, und das Unglück - sich in einen unsterblichen Vampir zu verlieben, der im Sonnenschein wie ein Diamant ikonenhaft zu glitzern beginnt statt sich in unzählige Kohlenstoffpartikel aufzulösen - dementsprechend nicht ganz so dramatisch. Dennoch: “Twilight” weiß zwischen dem anfänglichen Schulmensa-Einzug der coolen, unter Gesichtspuder-Exzessen leidenden Vampir-Clique, der einem sofort “Blutsauger!” entgegenschreit, und einem Ende, das förmlich nach “Fortsetzung!” brüllt, durchaus zu unterhalten - ob durch intendierte Dramatik oder unfreiwillige Komik, das hängt hoffentlich weniger vom Geschlecht als vom Alter des Betrachters ab. (Kathrin Häger/Filmdienst)
Quelle: Filmdienst