Viele Tränen wird sie in diesem finnischen April des Jahres 1918 nicht vergießen. Nicht wegen der toten Kameradinnen, den Vergewaltigungen oder der bevorstehenden Exekution. Erst als der Weißgardist Aaro seine Gefangene Miina in den Händen des unbarmherzigen Richters Hallenberg zurücklässt, rinnt der stoischen jungen Frau eine Träne über die Wange. Als Rotgardistin führte Miina ein Frauenbataillon an, das mit hohen Verlusten eingekesselt, gefangen genommen und vergewaltigt wurde und schließlich auf einer inszenierten Flucht erschossen wird. Alle sterben, nur Miina wird vom Fußsoldaten Aaro pflichtgetreu eingefangen, damit er sie einem ordentlichen Gericht zuführen kann. Doch als Miina beim Fluchtversuch das kleine Ruderboot kentern lässt, kommen sich beide auf einer abgelegenen Insel näher. Sogar Liebe scheint in der isolierten Steinlandschaft möglich - bis Aaro Miina dennoch dem Richter ausliefert, einem zynischen Vollstrecker unter dem selbst umgeworfenen Deckmantel des Humanismus.
Bei Regisseur Aku Louhimies hat das „schwache“ Geschlecht in Uniform im Ausnahmezustand Krieg besonders schlechte Aussichten auf Würde, von Gnade ganz zu schweigen. „Hure“ und „Schlampe“ lautet die gängige Bezeichnung für die kommunistischen Widerstandskämpferinnen der roten Garde, die sich aus der Arbeiterklasse rekrutierte und von der sozialistischen Regierung gestützt ihre Umsturzversuche gegen das Bürgertum vorantrieb. Miinas Tränen versickern ungesehen in einem Bürgerkrieg, der sich in den Wirren gegen Ende des Ersten Weltkriegs wortwörtlich am Rand des europäischen Wahrnehmungshorizonts abspielte. Doch Louhimies geht es in seiner Geburtsgeschichte Finnlands als von Russland unabhängige Republik nicht um Ideologien. Beschrieben werden die Unmenschlichkeit, das Absterben von Emotionen und Mitgefühl in einer Atmosphäre von im Suff ertränktem Hass und Abscheu – nicht zuletzt vor sich selbst. „Lasst uns saufen gehen“, brummt der Befehlshaber, nachdem seine Truppe ihre vergewaltigten Gefangenen auf der „Flucht“ in den Rücken schossen. Auch Richter Hallenberg versucht, seine Schuld nach jeder Hinrichtung mit Alkohol von der Seele zu spülen. In einem psychologischen Kammerspiel umschleicht er Aaro wie die Katze die Maus: Der junge, idealistische Soldat setzt auf Miinas Begnadigung und der abgestumpfte ehemalige Intellektuelle auf dessen sexuelle Zuneigung – allein die Einsamkeit ist allen Figuren gemein. Beethovens Allegretto der 7. Symphonie ertönt auf dem alten Grammophon, Hallenberg zitiert Goethes „Erlkönig“. Wie der Humanismus das richterliche Wohnhaus und die Sonne die hellen Wälder der finnischen Westküste durchfluten, so grausam durchschlagen die Gewehrsalven auf dem Hof und den Feldern menschliche Körper.
„Tears of April“ ergeht sich dabei nicht in theatralischer Inszenierung, vielmehr lassen die undurchsichtigen Figuren selbstbewussten Raum für Spekulationen. Ist Miina überhaupt noch zu wahren Gefühlen fähig oder setzt sie lediglich ihre Sexualität für ihr Leben ein? Ist Hallenberg Voyeur, homosexuell oder will er mit Aaros Besitz quasi Teil eines rar gewordenen Gefühls werden? Nur Aaro scheint seine Moral im strikten Befolgen der Kriegs-Vorschriften behalten zu haben. Sein Mitgefühl kann der „edle Soldat“ hingegen erst durch eine Todgeweihte und ihren Henker zurückgewinnen. Im Hof des Richters dominieren Grautöne, während die Außenwelt in Schwarz-Weiß, oder besser: in Rot-Weiß versinkt. Die Hinrichtungen und Misshandlungen durch die Weißgardisten sind Fakt und doch wieder nur Platzhalter für den allgemein gültigen Wahnsinn jedes Krieges. Auch wenn Louhimies die Verbrechen der roten Revolutionäre gegen das Bürgertum ausspart, diese zu den misshandelten Gefangenen der „weißen“ Übermacht stilisiert – seinem berührenden Drama geht es weniger um historische Aufrechnung als vielmehr um das überzeitliche Drama unterdrückter Mitmenschlichkeit.
Kathrin Häger/Filmdienst