Religion – in Kinderbüchern eine Selbstverständlichkeit?
„… denn an diesem Abend sollte Hannes‘ Heimkehr mit einem großen Festmahl gefeiert werden wie die Heimkehr des verlorenen Sohnes, von dem du ja vielleicht schon gehört hast.“ (Kirsten Boie: Seeräubermoses. Oetinger 2009, S. 156.)
Ganz unvermittelt taucht dieser Wink auf eine biblische Geschichte in Kirsten Boies Kinder-Roman „Seeräubermoses“ auf. So als sei Religion kein unbeschriebenes Blatt für Kinder. Auch sonst scheut sich die Autorin nicht, in ihren Büchern immer wieder religiöse Fragen und Fakten aufzugreifen. Allerdings formuliert sie diese ganz unverkrampft und unaufdringlich. Es scheint eine Selbstverständlichkeit zu sein, dass Religion zu guter Literatur für Kinder dazugehört. Denn schon auf den ersten Seiten wird humorvoll erzählt, wie die Hauptfigur des Buches – das Mädchen Moses – für einen Jungen gehalten und auf den Namen Moses getauft wird. Dabei kommen auch der biblische Hintergrund des Namens und der Beginn der Exodus-Erzählung zur Sprache. In „Die Medlevinger“ (2004) nimmt sie die Geschichte von Kain und Abel (1. Mose 4) auf und macht daraus einen „fantastischen Krimi“, dessen biblischer Bezug zwar immer wieder durchschimmert, aber nicht dominiert.
Hieran lässt sich schon aufzeigen, dass bei guter Kinderliteratur Religion nicht außen vor bleiben muss. Allerdings sollte biblisch-kirchliches oder religiöses Hintergrundwissen weder aufdringlich oder aufgesetzt ins Spiel gebracht werden, noch darf ein Nichtwissen auf die Lesenden beschämend wirken („von dem du ja vielleicht schon gehört hast“).
Weniger ein biblisches Wissen als Religion in Alltag und Kultur führt etwa Sabine Ludwig in ihren Büchern vor Augen. In „Der 7. Sonntag im August“ wird der Sonntag als eine Unterbrechung des Alltags gewürdigt. Darüber hinaus taucht immer wieder die Kirche „Sankt Anna“ auf: als Bezugspunkt für die Zeit (Glockengeläut) oder als Konzertraum und Ort der Besinnung, aber auch als ein Gebäude, das man in seinen Eigenarten erst einmal entdecken und verstehen muss. So kann ansprechende literarische Kirchenraumpädagogik aussehen! Ansätze dazu finden sich auch in Kinderbüchern, die etwa kirchliche Feste, Rituale und Symbole thematisieren und Erziehenden eine Hilfestellung geben möchten, um Kindern das Sakrament der Taufe oder Feste des Kirchenjahres zu erklären. Allerdings gelingt es nicht allen Titeln, hier wirklich vom Kind her zu denken und eine Erwachsenenlogik bei den Erläuterungen zu vermeiden. Auch in der Literatur für Kinder können Spuren von Religion in der Architektur und Kultur einen positiven Niederschlag finden, ohne dass dies befremdlich oder aufgesetzt wirken muss.
In „ganz normalen“ Kinderbüchern kann Religion also ganz nebenbei und unaufdringlich in ihren verschiedenen Facetten und Formen zur Sprache kommen. Seit zehn Jahren zeichnet sich darüber hinaus die Tendenz ab, allgemeinreligiöse Themen in der Tradition der Kinderphilosophie oder Kindertheologie für Kinder aufzubereiten. Dabei kommt es weniger auf Antworten oder die Vermittlung von Wissen an, als auf die Anregung zum Nachdenken über Gott und die Welt und die Fähigkeit zum Dialog. Salopp ausgedrückt: Kindern wird nichts eingetrichtert, sondern sie sollen selbst auf den Trichter kommen und mit ihren eigenen Fragen und Antworten ernst genommen werden. Ein klassisches Beispiel dafür ist „Die große Frage“ von Wolf Erlbruch aus dem Jahr 2004. Entscheidend ist, dass Kindern Anregungen und Anknüpfungspunkte für religiöse Fragen offen gehalten werden, wobei auch unkonventionelle Wege ihren Reiz haben. Dies signalisiert etwa „Der kleine Gott und die Tiere“ (2008) von Annette Swoboda: In diesem erfrischend anderen Buch wird der Schöpfer als kreativer kleiner Junge in Latzhose dargestellt, dessen Schöpfung einer Bastelarbeit mit Malkasten, Schere und Zirkel gleicht. Kinderbücher solcher Couleur regen zur Auseinandersetzung mit Gottesvorstellungen und Menschenbildern an.
Auch Kinderliteratur zum Thema „Sterben und Tod“ versteht sich mehr und mehr als Anregung zum eigenen Nachdenken und weniger als starre Antwortgeberin, die so tut, als sei das Thema Tod rein kognitiv zu lösen. Trost hat eben auch andere Dimensionen, die sich durch Bücher zwar nicht vermitteln, aber durchaus ansprechen lassen, wenn Geschichten nicht etwa beschwichtigen, sondern Gefühle der Ohnmacht und Enttäuschung zur Sprache bringen, Antwortversuche anbahnen oder Bilder der Hoffnung vor Augen malen.
Wenn in Kinderbüchern religiöse Fragen aufgegriffen werden, kommt es also weniger auf Antworten an, als auf Anregungen, Angebote und Anknüpfungspunkte, um mit jungen Menschen ins Gespräch zu kommen oder sie zum eigenen Nachdenken zu motivieren.
Religionen – von Anfang an ein Beitrag zur Kultur
Doch „Religion im Kinderbuch“ geht mittlerweile über das Christentum hinaus. Dabei stellen die Einen einzelne Religionen vor, wie etwa in der Reihe „Paul und die Weltreligionen“ der Berliner Museumspädagogin Karin Schmidl. Mit Hilfe der Identitätsfigur Paul, die immer einer Person der anderen Religion begegnet, wird auf jeweils 64 Seiten Christentum, Judentum, Islam, Buddhismus und Hinduismus in den verschiedenen Facetten (Personen, Heilige Schriften, Historisches, Kulturelles) kindgerecht nahegebracht. Die unterschiedlichen Zugänge in Sprache und Illustration (hervorragende Comics!) helfen, eine einseitige Wahrnehmung fremder oder eigener Religiosität zu vermeiden. So bleibt Raum für Differenzerfahrung und Würdigung, Neugierde und Abstand.
Neben diesen detaillierten Publikationen bieten andere – teils sehr komprimiert – einen Überblick über die Weltreligionen. Dabei gibt es unterschiedliche Auffassungen davon, welche Religionen zu den Weltreligionen gehören. Schon für Kinder ab 6 Jahren aufbereitet ist der vom Greifswalder Theologieprofessor Roland Rosenstock verantwortete Band „Weltreligionen“ aus der Reihe „Frag doch mal … die Maus!“ mit Aufdeckfolien, ausklappbaren Panoramaseiten und einem Sammelposter. Weniger auf Religionen als auf allgemeine religiöse Fragen, Fakten und Erfahrungen ausgerichtet ist der ausführlichere Band aus derselben Reihe „Fragen zu Gott, der Welt und den großen Religionen“.
Religiöse Lektüre und Kinderbibeln – Kinder brauchen Geschichten
Der Kinderbibel-Markt überrascht unentwegt durch Titel, die Neues ausprobieren oder Ergänzungen zu papierenen Publikationen (Hörbuch; CD-Rom; Folien) bieten oder durch Bibelbearbeitungen, an denen die Zeit und die Kinderbibel-Forschung spurlos vorübergegangen ist. Hier ist hervorzuheben, dass es seit „Die Bibel für Kinder und alle im Haus“ von Rainer Oberthür aus dem Jahr 2004 kaum innovative Veröffentlichungen mit Klassiker-Potential gegeben hat. Besonders bedauerlich ist, dass das gute Erzählen bei der Aufbereitung biblischer Geschichten zugunsten von Erklärungen und Erläuterungen deutlich in den Hintergrund getreten ist – selbst da, wo wie etwa bei „Die Bibel für Kinder, erzählt von Margot Käßmann“ (2011) das „erzählt“ bereits im Titel hervorgehoben wird. Die große Don Bosco Kinderbibel „Ich bin bei euch“ von Lene Mayer-Skumanz (2011) bietet umfangreiche Erläuterungen im Text und Ergänzungen wie Zeittafel, Bibelstellen-Verzeichnis, Literaturangaben und einen „nichtkanonischen Psalm 151 aus den Höhlen von Qumran“ (S. 114f.). Die „Kinderlesebibel“ von Michael Landgraf (2011) fordert junge Menschen einerseits zum selbständigen Lesen auf, gibt dabei andererseits aber schon die Interpretation der Texte weitgehend vor. Positiv an neueren Kinderbibeln ist, dass eine moralisierende oder sozial-politische Tendenz nur noch vereinzelt zu entdecken ist. Dies ist umso bemerkenswerter, als kinderbiblischer Literatur noch immer ein indoktrinierender Charakter vorgeworfen wird.
Neuer Atheismus - Anfragen
Nicht zu übersehen ist im Blick auf „Religion im Kinderbuch“ das Engagement eines sogenannten „Neuen Atheismus“, der inzwischen auch in Deutschland zu einer wahrnehmbaren Bewegung geworden ist und sich überaus engagiert gegen jegliche Form religiöser Erziehung junger Menschen wendet.
Dieser „Neue Atheismus“ versteht sich selbst als Vollender der philosophischen Aufklärung. Er beruft sich auf das Grundrecht auf Religionsfreiheit und richtet sich gegen die Bevorzugung christlicher bzw. monotheistischer Gruppierungen durch den säkularen Staat, wobei unter säkular letztendlich eine radikale Trennung zwischen Kirche und Staat verstanden wird. Zu Recht wird zwar hier auf die weltanschauliche Neutralität des Staates verwiesen, aber zu wenig berücksichtigt, dass der Staat sich zwar religionsneutral zu verhalten hat, dies aber Religionsfreundlichkeit nicht ausschließt.
So sorgte die Veröffentlichung des religionskritischen Kinderbuches mit dem Titel „Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine Ferkel“ von Michael Schmidt-Salomon, dem Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung, und dem Illustrator Helge Nyncke für Aufsehen. Den Anlass für die Entstehung dieses Buches bietet nach Ansicht der Autoren die Beobachtung, dass Kinder vielfach in den Familien, Kindergärten und Schulen durch die Bereitstellung altersspezifischer religiöser Literatur (z.B. Kinderbibeln) bereits frühzeitig mit Glaubensinhalten konfrontiert werden. Die Autoren wollen jungen Leserinnen und Lesern vor Augen führen, wie unsinnig und überflüssig die religiösen Lehren (der Erwachsenen) sind. Hierzu konfrontieren sie ihre Protagonisten, ein kleines Ferkel und einen kleinen Igel, die zunächst ein unbeschwertes Leben führen, nacheinander mit exemplarisch einseitig ausgewählten jüdischen, christlichen und islamischen Glaubensvertretern und -inhalten, die bei dem kleinen Ferkel und dem kleinen Igel Angst, Unverständnis und Entsetzen auslösen. Die Tendenz, ein Zerrbild von Religion zunächst aufzubauen, um es dann zu bekämpfen, setzt sich in den weiteren Veröffentlichungen von Michael Schmidt-Salomon fort. In „Susi Neunmalklug erklärt die Evolution: Ein Buch für kleine und große Besserwisser“ aus dem Jahr 2009 wird ein Zerrbild von Religionsunterricht verwendet, um damit eine evolutionsfreundliche Sicht als allein wissenschaftlich vorzustellen. Letztendlich muss es in der Auseinandersetzung mit Kritik an religiöser Erziehung um die Frage gehen, was Kinder lebenskompetent macht.
Die Schönheit des Glaubens gönnen
Wo religiöse Dimensionen in guter Literatur zum Tragen kommen, bleiben Kinder in punkto Religion kein unbeschriebenes Blatt, sondern lernen von Anfang an die Schönheit des Lebens und Glaubens kennen – ohne sich gleich zu etwas bekennen zu müssen.
Von daher ist das Bestreben positiv zu werten, religiöse Sachverhalte, Symbole, Schriften und Personen auch auf einem multimedialen Weg aufzubereiten in Form von CD-ROMs und Hörbüchern. Wichtig ist vor allem, Kindern religiöse Fragen nicht vorzuenthalten. Dies wäre ja so, als wenn man Kindern keine Musik gönnen würde, damit sie später selbst entscheiden können, was sie gerne hören …
Reiner Andreas Neuschäfer