Ohne Provokation kann der bekannte Oxforder Professor nicht leben, noch weniger kann es sein deutscher Verlag, der auf Umsatz achten muss. Wenn es die Sache nicht hergibt, muss man mit Worten auf die Pauke hauen. Und so wird aus ‚The Greatest Show on Earth‘ auf deutsch ‚Die Schöpfungslüge‘.
Dabei enthält das Buch viele vernünftige Einsichten, allen voran die eine Erkenntnis, die Evolution des Lebens als Tatsache und nicht als bloße Theorie zu bezeichnen. Die Feinde des Buches sind die Kreationisten, die es zwar in England und Europa kaum gibt, die aber in den USA etwa 40 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Sie werden das Buch jedoch kaum in die Hand nehmen, womit der Autor wohl auch nicht rechnet. Die Adressaten des Buches, das sind überraschenderweise die Geistlichen, also Vikare, Pfarrer, Bischöfe, bis hinauf zum Papst. Diese sind meist von der Richtigkeit der Evolutionslehre überzeugt, haben es aber nach Meinung des Autors bisher versäumt, auch ihre Gemeinden von der unbedingten Richtigkeit der Evolutionslehre zu unterrichten. Deshalb wendet sich dieses Buch ‚nicht gegen die Religion‘. (S. 12) Weil nun allerdings die Geistlichen ihre Informationspflicht vernachlässigt haben, grassiert so viel und so stark das Virus des Kreationismus und seines Ablegers, des Intelligent Design. Alle Köpfe sollen sich endlich und endgültig zur Evolutionslehre bekennen, zu dieser Bekehrung ruft das Buch auf. Können wir das Angebot annehmen? Ich, als Theologe und Geistlicher, bin durchaus geneigt, ja zu sagen. Ich möchte dem Mann aus Oxford gleichzeitig zurufen: Du rennst bei mir offene Türen ein, aber bemerkst du auch, wo du dann landest?
In 13 Kapiteln legt der Autor beredt, witzig und kämpferisch seine These dar: Die Evolutionslehre ist nicht bloß eine Theorie, sondern eine Tatsache, die höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht wird. Damit bin ich einverstanden. Mehr Wissenschaft vom Leben kann es nicht geben, als die Evolutionslehre Darwins und ihre Weiterentwicklung bis heute uns lehren. Diese Lehre beschreibt bekanntlich nach dem Grundsatz von Mutation und Selektion und nach dem Prinzip des ‚Survival of the fittest‘ die Abstammung aller Arten des Lebens.
Hier müssen wir allerdings einen Augenblick innehalten, denn das letzte Kapitel lässt den Leser stutzen. Der Autor singt das Lied auf die Wahrheit Darwins mit dessen Schlusssatz aus dem Buch von 1859. Da heißt es im wörtlichen Zitat: ‚... und dass, während dieser Planet nach den festgelegten Gesetzen der Schwerkraft im Kreis sich geschwungen, aus einfachem Anfang eine endlose Fülle der schönsten und wunderbarsten Formen sich entwickelt hat und immer noch entwickelt.‘ (S. 417)
Leider ist das Zitat nach der ersten Auflage der ‚Origins‘ von 1859 gewählt worden, ab der zweiten Auflage 1860 sprach Darwin immer von Gott dem Schöpfer, der den Keim allen Lebens einer einzigen Form eingehaucht hat. Diese kleine Manipulation wollen wir dem Autor verzeihen. Nur die viel größere Manipulation will ich benennen, mit der sich Darwin im 19. Jahrhundert und unser Mann aus Oxford im 21. Jahrhundert hinters Licht haben führen lassen.
Darwin weist mit der Schwerkraft auf Newton hin und auf die festen Gesetze der mechanischen Notwendigkeit, welche die Natur lenken. Zu lenken schienen, müssen wir heute sagen! Denn die deterministische Notwendigkeit der Natur war zu Zeiten Darwins einzig plausibel. Das hat sich im 21. Jahrhundert gründlich geändert. Beide sind echt in der Natur, der Zufall und die Notwendigkeit, weshalb heute die Freiheit eines Schöpfers und die Freiheit des Geschöpfes plausibler sind als je zuvor.
Warum es so viele Kreationisten gibt? Ich schätze, weil sie die Lüge der Evolutionsphilosophen ahnen, welche die Natur bloß nach festen Gesetzen, ganz ohne einen Schöpfergott verstehen wollen. Unser Mann aus Oxford, so wette ich, könnte die Zahl seiner Gegner mit einem Schlag von 40 auf 20 Prozent halbieren, wenn er die Bekehrung, die er von Bischöfen und vom Papst verlangt, bei sich selbst vollziehen würde. Er ist ganz nahe daran, den lebendigen Schöpfergott mit Hilfe der Evolutionslehre anzuerkennen. Echter Darwinismus und echte Theologie harmonieren wunderbar zusammen.
Dieter Hattrup
Der Rezensent
Dieter Hattrup ist promovierter Mathematiker und Theologe, seit 1991 als Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Theologischen Fakultät Paderborn tätig. Der ausgewiesene Fachmann für das Thema Naturwissenschaften und Religion hat sich in seinen Publikationen auch mit der Evolutionstheorie auseinandergesetzt.