24.02.2012

Spurensuche

Wer sind sie, die Helden der Nachhaltigkeit? Was müssen die Figuren in den Geschichten heute tun, um die Welt zu retten? Kann man angesichts der überall herrschenden Unübersichtlichkeit der Verhältnisse überhaupt noch handeln, literarisch oder real? Welche Impulse gibt ein christlicher Schöpfungsglaube? Und kann so ein sachliches und eher abstraktes Thema überhaupt spannend aufbereitet werden und literarisch ankommen? [mehr]

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Eine Frau und ein Mann begegnen sich in einem Wellnesshotel. Sie möchte ein neues Videoprojekt realisieren, er sucht nach einem Weg aus der Schreibblockade. Beide haben unruhige Zeiten und manches Unbearbeitete und Nichtverdaute im Lebensgepäck. Durch wechselseitiges Beäugen, Begleiten in Gedanken ... weiter

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Das verstörende Bild einer zerrissenen Gesellschaft

Filmtipp: Filmdienst-Kritiker Josef Lederle über „Schande" nach dem gleichnamigen Roman von J. M. Coetzee , der am 17. September in die Kinos kommt.

Manchmal schieben sich im Kino die Erinnerungen an einen Roman über die Bilder seiner Adaption - was in der Regel kein Qualitätssiegel für den Film ist. Bei „Schande" von Steve Jacobs nach dem gleichnamigen Roman des südafrikanischen Nobelpreisträgers J.M. Coetzee behauptet die Verfilmung dennoch ein gewisses Eigenrecht; denn sie überantwortet die vielen lakonischen Kommentare eines anonymen Erzählers dem stummen Spiel seines Hauptdarstellers John Malkovich in einer Paraderolle als feingeistiger Akademiker. Seine Figur, David Lurie, unterrichtet in Kapstadt vergleichende Literaturwissenschaft. Am liebsten doziert er schmallippig über Gedichte von Lord Byron oder William Wordsworth, in denen sich die Leidenschaft der romantischen Künstlerpersönlichkeit mit dem Egoismus eines auf sich fixierten Einzelgängers verbindet. Lurie wäre selbst gern ein „Byronscher Held", ein Ästhet im Elfenbeinturm, doch sein Sarkasmus unterbindet jede Form der Selbstüberschätzung: zu sehr steht ihm die Mittelmäßigkeit des Daseins, auch seine eigene, vor Augen.

In der Adaption des Romans durch Anna Maria Monticelli verwandeln sich solche Einsichten in Gesten, Blicke, mimische Momente. Das macht die Größe, aber auch die Crux dieses Films aus, weil er auf ein geneigtes Publikum vertrauen muss, das im nuancierten Ausdruck von Malkovich Entscheidendes zu lesen vermag. Ein Beispiel: In der Eröffnungssequenz begegnet man Lurie in einer langsamen Aufblende, wie er durch eine Jalousie schaut: distanziert, beherrscht, einsam. Dann hört man aus dem Hintergrund eine Stimme, die fragt, ob sie ihm gefehlt habe. Lurie wendet den Kopf, ja, er müsse immer an sie denken. Als er sich jedoch die Indiskretion erlaubt, nach einem Partner an der Seite der nackten Frau im voluminösen Bett zu fragen, ist der unausgesprochene Kontrakt zwischen beiden gebrochen; er sieht das Callgirl nie wieder. Was hier auf drei spartanisch konzentrierte Einstellungen reduziert ist, glänzt im Roman in plastischer Deutlichkeit, wie auch jener Fehltritt räsonierend ausgeleuchtet wird, der Lurie seine Laufbahn kostet. Er, der sein Sex-Leben angeblich im Griff hat, verführt eine Studentin. Der Skandal, der daraus entsteht, findet seine eigenwillige Zuspitzung in Luries Weigerung, sich öffentlicher Reue zu unterwerfen; er erklärt sich zwar für schuldig, doch ohne Anflug von Bedauern.

Als Buch liest man das erste Drittel fast atemlos, weil hier mit raffiniertem Understatement eine akademisch-literarische Sphäre entworfen wird, die man sonst eher aus den Romanen von Philip Roth kennt. Auf der Leinwand wirkt dies indes wie eine lange Exposition der Hauptfigur oder wie lose aneinander gereihte Episoden, denen im zweiten Teil unvermittelt eine radikal andere Wirklichkeit hinzugefügt wird; was dabei verloren geht, ist ein Gespür für den Kontrast zwischen den Welten und die Fallhöhe der ungerührten Selbstdemontage des Professors, der Zuflucht bei seiner lesbischen Tochter Lucy findet, die im Osten des Landes eine kleine Farm mit Gemüse und Blumen betreibt. Hier begegnet Lurie einer ungleich raueren Welt, die binnen kurzem tiefe Spuren in seinem Selbstbewusstsein hinterlässt; so muss er miterleben, dass drei schwarze Männer Lucy brutal vergewaltigen. Eine so rohe Realität verschlägt ihm die Sprache. Er kann auch nicht verstehen, dass Lucy die Schändung nicht anzeigt, sondern als Tribut an die neuen Herrn des Landes begreift; das Kind, das dabei entstand, will sie austragen und sich überdies unter den Schutz ihres schwarzen Arbeiters stellen - als dessen Zweitfrau.

„Schande" ist ein komplexer Stoff, der die anfänglich so berauschende Lektüre zur intellektuellen Herausforderung macht. Das lässt sich auch in der Adaption erahnen, wenngleich sich das Regie/Drehbuch-Duo Jacobs & Monticelli durch seine Herkunft als Schauspieler ganz auf die Figuren konzentriert; kontextuelle Ebenen der Vorlage, etwa der Diskurs über das Verhältnis von Mensch und Tier, bleiben dabei auf der Strecke. In der radikalsten Wendung des Plots sieht man Lurie, wie er als Gehilfe einer Tierklinik eingeschläferte Hunde zu einem Ofen fährt und verbrennt. Jeden Kadaver legt er fast andächtig auf das Förderband und schaut zu, wie die Flammen ihr Werk verrichten. Ein letztes Geleit. Für einen blasierten Feingeist, der sich vor dem Altern und der Vergänglichkeit fürchtet, ist es ein weiter, steiniger Weg bis zum Mitleid mit der Kreatur; hier stößt selbst die Darstellungskunst eines Malkovich an Grenzen. Was als erotische Querele eines Literaturprofessors begann, weitet sich in der Provinz zum verstörenden Bild einer von Rassismus und Hass zerrissenen Gesellschaft, die weit davon entfernt ist, die Apartheid überwunden zu haben. Denn das neue Südafrika kann nicht das alte unter anderen, nun schwarzen Vorzeichen sein, was der Film visuell durch seinen akzentuiert symmetrischen Bildaufbau immer wieder ins Spiel bringt, in dem es viel Raum und ein betörend helles südafrikanisches Licht gibt. Die Vorstellung, nur die Farbe der Amtsträger zu wechseln, um das Land in einer gerechtere Zukunft zu führen, wird in „Schande" ad absurdum geführt; in der Schlusseinstellung sieht man dann auch einen geläuterten Lurie, der sich dem Beispiel seiner Tochter folgend in die neuen Verhältnisse schickt.

Josef Lederle (Filmdienst)

Der Roman von J. M. Coetzee[mehr]

Schande

von J. M. Coetzee
FISCHER (TB.), FRANKFURT(2009)
Taschenbuch
Roman. Ausgezeichnet mit dem Booker Prize 1999 und dem Commonwealth Writers Prize 2000, Best Book ISBN-10: 3596509513 ISBN-13: 9783596509515 MedienNr.: 299807 10.00 €
Borro-Rezension

Schuld und Sühne im heutigen Südafrika.

Nach zwei gescheiterten Ehen steht es mit dem Sexualleben des südafrikanischen Literaturprofessors David Lurie nicht zum Besten. Ohne viel Gedanken zu verlieren, stürzt er sich in ein Abenteuer mit einer seiner Studentinnen. Als die Affäre auffliegt, [mehr]

Dietmar Adam
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