Sammel-Rezension
Die Tyrannen-Bücher von Michael Winterhoff sind Bestseller, und es ist fraglich, warum. In "Tyrannen müssen nicht sein" beschreibt er Kinder in schwer gestörten Familiensystemen eben als "Tyrannen" und identifiziert nach einem einfachen Schema drei Arten der Bindungsstörungen, die vom Erwachsenen ausgehen und das Kind an einer normalen Reifeentwicklung hindern. Offenbar wird diese Beschreibung, die so oft wiederholt wird, bis sie tatsächlich ein ganzes Buch füllt, weithin als "Erziehungsratgeber" missverstanden. Dabei wird das Buch den allermeisten Familien nicht hilfreich sein: In so gestörten Familiensystemen ist es mit der Lektüre eines Buches nicht getan, zumal sich eine solche Störung nicht einfach anhand weniger plakativer Merkmale identifizieren lässt. In intakten Familien wird das Buch schaden statt nützen, weil Winterhoff (kleinen) Menschen wenig zutraut, am wenigsten Sozialität. Er setzt stattdessen darauf, dass man sozial angemessenes Verhalten durch viel Lob bzw. deutliche Abweisung und das fortwährende Klarstellen von Hierarchien erst ganz allmählich hervorbringen könne - eine Auffassung, die mit einem christlichen Menschenbild kaum zu vereinbaren ist.
Eine deutlich andere Position als Winterhoff vertritt Wolfgang Bergmann: Kinder sind von Anfang an auf darauf ausgerichtet, Beziehungen einzugehen, sie müssen zu "angemessenem" Verhalten nicht extra konditioniert werden. Er setzt sich mit Winterhoffs erstem Buch ("Warum unsere Kinder Tyrannen werden") und mit dem gesellschaftlichen Klima auseinander, in der ein solcher Titel ein Bestseller werden kann: ein Einspruch gegen den Ruf nach immer mehr Zucht und Ordnung in der Kindererziehung. Dabei leugnet er Fehlentwicklungen nicht, erklärt sie aber nicht mit einer absurden Häufung schwerer seelischer Störungen, sondern mit Blick auf die gesellschaftlichen Ursachen: Wenn Kinder in einer als unsicher empfundenen Welt die Garanten von Glück und Stabilität in der Familie sein sollen, werden sie überfordert. Bergmann verweist die Eltern in seinem flüssig geschriebenen Buch darauf, nicht nur in der Elternrolle aufzugehen und sich nicht nur über ihre Kinder zu definieren - sich aber an ihren Kindern zu freuen. Er vermittelt einen entspannten Blick auf Kinder und ermutigt zu kreativen Lösungen von Konflikten. Auch wenn das Buch nicht frei von Klischees ist und nicht jede Anregung für jeden Leser passen wird, ist es eine lohnende Lektüre, nach der man sich mit neuer Lust dem Familienleben zuwendet. (Annette Jantzen)