Um es gleich vorweg zu sagen: "Brautflug" ist einer dieser Romane, die nach dem Herzen des Lesers oder der Leserin greifen, deren Figuren so überzeugend angelegt sind, dass man mit ihrem Schicksal mitfiebert, deren Handlung so dicht und mitreißend ist, dass man ihn gar nicht mehr aus der Hand legen mag. Kurzum: Wer "Brautflug" nicht gelesen hat, hat einen der schönsten Romane des Frühjahrs verpasst.
Marieke van der Pol erzählt die Geschichte von vier Holländern, drei Frauen und einem Mann, die in den fünfziger Jahren nach Neuseeland auswandern. Auf dem quälend langen Flug erzählen Frank, Ada, Marjorie und Esther einander von ihren Träumen und Ängsten, von der großen Hoffnung auf ein neues Leben. Frank und Ada verlieben sich, doch Ada entscheidet sich aus religiösem Pflichtgefühl gegen Frank und für ihren Verlobten, den sie zwar nicht liebt, von dem sie aber ein Kind erwartet. Nach der Landung in Neuseeland trennen sich die Wege der vier, aber sie werden sich im Laufe der nächsten Jahre immer wieder begegnen. Nach Jahrzehnten schließlich treffen sich die drei Frauen bei der Beerdigung von Frank wieder. Er ist seinem Lebenstraum sehr nahe gekommen, ist ein wohlhabender und anerkannter Winzer geworden. Doch richtig glücklich war er nie, denn seine große Sehnsucht blieb unerfüllt. Das muss Ada erkennen, als sie nach der Beerdigung in Franks Haus auf ein Foto stößt, dass sie ihm viele Jahre zuvor geschenkt hat. Ihre mit dieser Entdeckung verbundene Erkenntnis, dass sie nicht die geworden ist, die sie hätte sein können, trifft nicht nur sie, sondern auch den Leser ins Herz.
Der Roman erzählt nicht nur die zu Herzen gehende Geschichte dieser vier holländischen Auswanderer, sondern stellt zugleich die Frage, wie Leben gelingen kann. Van der Pol erzählt deren Lebensgeschichten aus vier unterschiedlichen Blickwinkeln, wobei Adas Schicksal den größten Raum einnimmt. Auf tragische Weise standen sich alle bei der Verwirklichung ihrer Träume selbst im Weg. Adas Lebensglück verhinderte eine tiefsitzende Angst vor einem rachsüchtigen, strafenden Gott, die ihr von klein auf eingeflößt worden war. Doch auch Esther, Marjorie und Frank stehen im Bann ihrer Lebensgeschichten, die sie daran hindern, die zu werden, die sie hätten sein können. Trotz aller Enttäuschungen ist es aber kein trauriger, sondern eher ein lebenspraller Roman mit einem versöhnlichen Ende. (Übers.: Kristina Kreuzer) (Christoph Holzapfel)