Ostern feiern die Christen die Auferstehung Jesu, die Erlösung von der Endgültigkeit des Todes. Von einer anderen Art der Erlösung an einem Ostersonntag erzählt der österreichische Schriftsteller und Kinderpsychiater Paulus Hochgatterer in diesem Roman. In der österreichischen Kleinstadt Furth am See erstattet ein Vater Anzeige, weil ein Unbekannter seinen Sohn geschlagen hat. Weder Kommissar Ludwig Kovacs noch Raffael Horn, der Psychiater, der das Kind untersucht, nehmen das sonderlich ernst. Andere Fälle scheinen ihnen dringlicher, außerdem sind sie durch private Probleme abgelenkt. Doch dann wird ein weiteres Kind auf die gleiche Weise geschlagen - und kurz darauf noch eines. Der öffentliche Druck steigt, doch weder Horn noch Kovacs haben etwas in der Hand. Hochgatterer erzählt diese Geschichte aus vier Perspektiven, neben Horn und Kovacs, die bereits in Hochgatterers Roman „Die Süße des Lebens“ (2006) auftraten, kommen noch eine psychisch labile Grundschullehrerin und ein dreizehnjähriges Mädchen zu Wort. Aus dessen Sicht erfahren die Leser/innen andeutungsweise, was im „Matratzenhaus“ vor sich geht. - Hochgatterer beschreibt sehr eindringlich, wie Schweigen, Alltagsblindheit und eine verbreitete Unfähigkeit, sich anderen mitzuteilen, dazu führen, dass alle Beteiligten die ohnehin spärlichen Hinweise auf sexuellen Missbrauch übersehen. Seine Erzählweise, die manchmal nur andeutet, statt ausführlich zu beschreiben, erfordert viel Aufmerksamkeit, entfaltet aber auch einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Erst als sich die Dreizehnjährige am Ostersonntag „Erlösung“ verschafft, wird sichtbar, was sich in der Mitte der österreichischen Kleinstadt zugetragen hat. Am Ende bleibt den Leser/innen die erschütternde Erkenntnis, dass Furth am See überall sein kann. Äußerst lesenswert!
Christoph Holzapfel