Ein beruflich erfolgloser Mann versucht durch Pasolinis Evangeliumsverfilmung von 1964 der Botschaft Jesu näherzukommen.
Formal gesehen zeichnet sich das Evangelium des Matthäus in zweierlei Hinsicht aus. Es verdichtet das, was es zu erzählen hat, so weit es nur geht. Und es erhebt keinen höheren literarischen Anspruch. Arnold Stadler mutet sich demnach ein schweres Stück Arbeit zu, wenn er in seinem Roman Matthäus neu auf die Spur kommen will. Ganz bewusst verwirft er dabei die Erkenntnisse der historisch-kritischen Methode. In seinen Augen löst diese den absoluten christlichen Anspruch auf, weil sie ihn geschichtlicher Erkenntnis unterwirft. Nein, Stadler stellt sich auf den Standpunkt kindlicher Naivität, die vom Evangelium selbst gefordert ist. Bei seiner Annäherung an das Matthäus-Evangelium bedient er sich zweier Stilmittel. Zum einen ist dies Pier Paolo Pasolinis Evangeliumsverfilmung von 1964. Zum anderen bedient er sich der Gestalt Salvatores, der in Ostfriesland aufgewachsen ist, sein Theologiestudium abgebrochen hat und jetzt mehr oder weniger von einer Wirtschaftsprüferin durchgebracht wird. Seinerzeit hatte beinahe die ganz Familie Salvatores in Pasolinis Film mitgewirkt, der ja fast ausschließlich auf Laienschauspieler zurückgegriffen hat. Wenn Salvatore - der Name bedeutet Erlöser - jetzt den Film wieder sieht, dann ist das also die Begegnung mit seiner eigenen Familiengeschichte. Im Laufe des Romans fließen zudem das Ich des Autors Arnold Stadler und die Person Salvatore bis zur Unkenntlichkeit ineinander. Salvatore/Stadler werden gleichermaßen von einer großen Sehnsucht getrieben, an der Hand des Evangelisten Matthäus Jesus und damit Gott nahezukommen.
Im Grunde versucht Arnold Stadler hier in Form des Romans und mit einem zugegebenermaßen etwas sperrigen Zugang, den ungeheuren Anspruch des Evangeliums wieder in den Blick zu bekommen und den heute gängigen Relativierungen zu wehren. Für literarisch anspruchsvolle Leser/innen mit Interesse an religiösen Themen sehr zu empfehlen!
(Rainer Boeck)