„Der Fromme von morgen wird ein Mystiker sein, einer der etwas erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein“, meinte der Theologe Karl Rahner schon in den siebziger Jahren. Diese Überzeugung ist
auch heute noch gültig. Welchen Schatz die Mystik für Gläubige und spirituell Suchende bereithält, zeigt auf eingängige und unterhaltsame Weise Rolf Siller in seiner Romanbiografie über Meister Eckhart, der vielen als bedeutendster Vertreter der deutschen christlichen Mystik gilt. Siller schickt Conrad von Halberstadt, einen Schüler von Meister Eckhard, nach seinem Tod quer durch Europa, um die Schriften seines Lehrers zu sammeln und der Nachwelt zu erhalten. Die Denkweise und Spiritualität Meister Eckharts werden auf diese Art herausgearbeitet und werden so einer breiten Leserschaft zugänglich, die sich
nicht mit wissenschaftlichen Studien zur Mystik des Mittelalters beschäftigen möchte. Eine Beschäftigung mit Meister Eckhard lohnt sich, weil seine Weltdeutung aus historischer, theologischer und philosophischer Sicht nichts an Aktualität eingebüßt hat. „Die uneinholbare Voraussetzung seines Denkens besteht in der Annahme, dass der Mensch in seinem letzten Grund immer schon
göttlicher Natur ist. Der Mensch bewegt sich nicht auf Gott zu, weil er schon immer bei ihm angekommen ist.“, schreibt Siller in seinem Nachwort (S. 285). Siller, emeritierter Professor an der der Hochschule für Pädagogik in Heidelberg, gelingt es, diese Romanbiografie detail- und kenntnisreich zu gestalten. Sein Schreibstil gibt die mittelalterliche Atmosphäre gut wieder, ohne allzu künstlich zu sein - das Buch ist ein Geheimtipp. Sehr zu empfehlen!
Benjamin Haßler