Roland E. Koch möchte Clemens August Graf von Galen (1878-1946), der 1933 bis 1946 Bischof von Münster war, in einer "Nahaufnahme" zeigen. Dazu hat er Maria erfunden, eine Bauerstochter, die 1933 Haushälterin bei ihm wird, als er gerade zum Bischof geweiht worden ist. In einem Monolog erinnert sie sich 20 Jahre nach dessen Tod an ihre Zeit bei "Clau", wie sie ihn nennt. Zwischen den beiden entwickelt sich schnell ein vertrautes Verhältnis, nach kurzer Zeit kommt Mechthild zur Welt, ihre gemeinsame Tochter. Dieser Teil der Erzählung folgt den gängigen Klischees. Sprachlich überzeugend sind dagegen die Stellen, an denen Maria erzählt, wie der Bischof mit der Einsicht gerungen hat, die Nazis falsch eingeschätzt zu haben, dass starke, offene Worte nötig sind, um ihnen entgegenzutreten, und dass sie Angst hatten, die Gestapo könne ihn abholen und ermorden lassen. - Ein Roman ist Fiktion. Deshalb ist es legitim, wenn Koch versucht, mit den Mitteln der Phantasie die Lücken zu schließen, die er in der bisherigen Literatur zu von Galen ausmacht. Doch verfügt er offensichtlich nicht über genug Phantasie, sich vorzustellen, dass mit dem Zölibat ein erfülltes Leben möglich ist. Maria lässt er jedenfalls sagen: "Er war auch der Falsche für den Zölibat ... Er war nicht so ein blasser, vergeistigter, linkischer Typ, der das alles ausschwitzen konnte." (S. 16) Diese schwache literarische Leistung ist auch deshalb enttäuschend, weil Koch schon gezeigt hat, dass er feinsinnige, gelungene Romane schreiben kann, wie zuletzt "Unter fremdem Himmel" (2010). Doch für Katholiken ist nicht nur die literarische Ebene wichtig. Für sie ist nicht nur die erfundene Liebesgeschichte samt daraus entstandener Tochter schwer erträglich, sondern auch die Tatsache, dass Koch "Clau"/von Galen ohne Not und ohne Deckung durch die Lebensgeschichte ein erhebliches Maß an Unaufrichtigkeit unterstellt.
Christoph Holzapfel