Ein Buch, das bereits im Titel eine so grundlegende Frage zu stellen wagt wie „Wer ist Gott?“ muss in der modernen Gesellschaft, die gerade in religiösen Fragen größte Zurückhaltung gewöhnt ist, eigentlich auf provozierende Weise unbescheiden klingen. Der zweite Teil der Frage, die der Buchtitel aufwirft - „und was machen wir, wenn es ihn gibt?“ -, lässt aber sofort klar werden, dass es hier nicht um eine die eigenen Möglichkeiten überschätzende theoretische Spekulation aus reiner Wissbegier geht. Peter Schallenberg, Professor für Moraltheologie in Paderborn, möchte mit seinem Buch vielmehr aufzeigen, dass es dem Menschen einfach nicht egal sein kann, ob es Gott gibt bzw. wer dieser Gott ist, da das von größter lebenspraktischer Bedeutung ist.
Um möglichen Missverständnissen zu begegnen, weist der Autor zunächst aber gleich darauf hin, dass es bei dieser Frage nicht darauf ankommt, ob Gott für unser Leben nützlich sei oder ob der Glaube an Gott den Menschen glücklich mache; das Leben wird zugegebenermaßen auch keineswegs bequemer oder sorgloser, wenn man an Gott glaubt. Und natürlich bestreitet Schallenberg auch keineswegs, dass ein moralisches Leben prinzipiell ebenso ohne den Glauben an Gott möglich ist, aber er stellt die berechtigte Frage auf, ob ein Leben, das sich an „vorletzten“ Werten ohne ein letztes Ziel orientiert, sinnvoll erscheint – denn was bedeutet dann überhaupt „gut“ und weshalb sollen wir es sein?
Wer sich diesen Fragen jenseits von bloßen Nützlichkeitserwägungen stellt, der wird nach Ansicht des Autors darauf stoßen, dass der Mensch selber in einem ganz fundamentalen Sinn „besser“ wird, wenn er im Glauben an Gott lebt – weil er dann nämlich sich selbst (und ebenso seine Mitmenschen) als Abbild Gottes begreift und für sein Leben ein sinnvolles und selbst den Tod überdauerndes Ziel findet: die Gemeinschaft mit Gott.
Am Gerüst des Apostolischen Glaubensbekenntnisses wird in den folgenden Kapiteln zum einen aufgezeigt, „wer“ der christliche Gott ist, d.h. wie er sich den Menschen in der Heiligen Schrift und natürlich vor allem in Jesus Christus geoffenbart hat. Zum anderen werden dabei aber auch die wichtigsten Fragen der menschlichen Existenz angesprochen und erläutert, wird untersucht, was der christliche Glaube für das Leben des Menschen bedeutet. Wie etwa der Glaube an den allmächtigen Vater, den Schöpfer des Himmels und der Erde, die Begriffe Freiheit, Güte, Macht und Liebe in einen Zusammenhang stellt, der Sinn und Richtung des Lebens angibt. Und wenn Gott selbst in Jesus Christus Mensch geworden ist, dann muss jeder Mensch in seiner Würde geachtet werden; dann muss aber auch das eigene Leben ausgerichtet werden am Vorbild von Jesu Leben, gerade auch in den scheinbar unbedeutenden Situationen und Entscheidungen des Alltags.
Um den Menschen nicht durch einen unerreichbaren Maßstab zu überfordern, muss zugleich jedoch festgehalten werden, dass für den Glaubenden ein Leben in Hingabe nicht nur gefordert ist, sondern ihm vor allem auch ermöglicht wird - durch die Gewissheit, von Gott gewollt und geliebt zu sein, trotz aller Schwächen und Unzulänglichkeiten, trotz allen Versagens und trotz aller Schuld. Das Christentum ist deshalb auch keine Morallehre, sondern zuallererst Gotteserfahrung, und die vom Christen angestrebte Heiligkeit bedeutet nicht eine moralische Perfektion, sondern „eine von Gott gewirkte und vom Menschen zugelassene Ergriffenheit und ein dann allmählich beginnendes Wachstum in der Liebe“ (S. 125).
So gibt das Buch nicht nur kluge Unterweisung in grundlegenden Fragen, es ist vor allem auch eine hilfreiche Ermutigung zum christlichen Glauben, der man viele Leserinnen und Leser wünscht.
Thomas Steinherr, Sankt Michaelsbund