Wenn ein Paar heutzutage eine Familie gründet, müssen die Partner aushandeln, wer welche Aufgaben übernimmt. Wer arbeitet wie viel? Wer bleibt bei den Kindern? Wer übernimmt welchen Teil der Hausarbeit? Die Partner müssen ihre Vorstellungen und die Anforderungen der Gesellschaft aufeinander abstimmen. Was für die Familie gilt, gilt für viele Bereiche des modernen Lebens: Die Menschen müssen ständig ihre Innen- mit der Außenwelt abgleichen. Genau darin sieht Thomas Philipp die Ursache für den Bedeutungsverlust des Christentums. „Das Grundproblem des Christentums ist heute, dass es sich als Lehre darstellt, der Mensch aber von seiner individuellen Erfahrung her denkt.“ Die christlichen Kirchen hätten es versäumt, Lehre und individuelle Erfahrungen miteinander ins Gespräch zu bringen. Daher erscheine das Christentum weithin als eine Institution, die mit den Erfahrungen der Menschen von heute nichts zu tun habe.
Thomas Philipp zeigt, wie sich die Erfahrungen der Menschen von heute und der christliche Glaube ins Gespräch bringen lassen. Er beginnt bei den Erfahrungen, die die meisten Menschen teilen: Hoffnung und Sehnsucht, Leiden und Tod, innere Ergriffenheit, eine berührende Begegnung mit einem anderen Menschen. „Der Mensch erfährt sich in einen Horizont gestellt, unausweichlich, in dem er mit den Haltungen des Begreifens und Beherrschens nicht durchkommt.“ In dieser Erfahrung berühre den Menschen ein Geheimnis, das die Christen Gott nennen.
Philipp erschließt diese Gotteserfahrung, indem er Gott als Geheimnis, Geist und Gegenüber beschreibt. Gott als unbegreifliches Geheimnis zu beschreiben – und nicht zuerst als Vater -, greift die moderne Skepsis vor einer zu konkreten Gottesvorstellung auf und wurzelt tief in der jüdisch-christlichen Tradition. Geheimnis und Gegenüber seien wie zwei Hände, mit denen Gott nach dem Menschen greife, im Inneren erfahrbar als tiefe Sehnsucht, als inneres Ergriffensein, und von außen als Begegnung mit einem Anderen. Den Geist beschreibt Philipp als Vermittler zwischen Innen- und Außenwelt. Er verhilft dem Menschen zu einer Synthese, in der der Wille Gottes erkennbar werde. Da jedoch nicht in jedem Wort, in jedem Anspruch von außen Gottes Stimme begegnet, gilt es, genau hinzuhören und die Geister zu scheiden. Dieser Unterscheidung der Geister widmet Philipp ein eigenes Kapitel.
Mit „Gegenüber“ meint Philipp allerdings nicht nur die Mitmenschen und die Ansprüche der Gesellschaft, sondern auch das ursprüngliche Wort Gottes, Jesus Christus. Zu ihm erschließt er ebenfalls einen Zugang, indem er die Skepsis vieler Zeitgenossen aufgreift: Kann dieser Jesus überhaupt gelebt haben? Ist er nicht vielmehr eine Projektion menschlicher Sehnsüchte?
Schließlich zeigt Philipp in einem weiteren Kapitel, wie wichtig die Kirche als sichtbare Gemeinschaft und Institution für die Erfahrung der dreifachen Gegenwart Gottes ist. Dabei geht er auch auf die tiefe Krise ein, deren Ursache er psychologisch als Folge einer schweren Kränkung durch die Moderne beschreibt, die dazu geführt habe, dass Geist und Amt gegeneinander ausgespielt werden.
Selbst wenn man Philipps Diagnose zur Kirchenkrise nicht teilt: Sein Buch bietet einen zeitgemäßen Zugang zum Glauben, der die Erfahrungen der Menschen als Ausgangspunkt der Suche nach Gott macht.
Christoph Holzapfel, Borromäusverein