Der tschechische Theologe Tomás Halík, 1978 unter größter Geheimhaltung zum Priester geweiht und zur Zeit des kommunistischen Regimes neben seinem Zivilberuf als Psychotherapeut heimlich für die Untergrundkirche tätig, ist in Deutschland noch relativ unbekannt. In Osteuropa gehört er jedoch seit vielen Jahren zu den bekanntesten Autoren religiöser Literatur und auch in den USA werden seine nach dem Zusammenbruch des Kommunismus ins Englische übersetzten Bücher sehr geschätzt. Dass die Katholische Akademie in Bayern Tomás Halík am 27. September mit dem Romano-Guardini-Preis ausgezeichnet hat, liegt jedoch wohl zum größten Teil am unermüdlich auf Versöhnung ausgerichteten gesellschaftspolitischen Engagement des mittlerweile als Soziologieprofessor an der Prager Karlsuniversität lehrenden Präsidenten der Tschechischen christlichen Akademie, denn unverständlicherweise liegt erst jetzt das erste Buch Halíks auf Deutsch vor.
Bereits der Titel „Geduld mit Gott“ macht neugierig, denn wenn in traditionellen religiösen Kontexten auch manchmal von der Geduld Gottes mit den Menschen die Rede ist, ist man doch nicht unbedingt gewöhnt, vom gläubigen Menschen einzufordern, geradezu Geduld mit Gott zu haben. Doch der Autor erklärt sehr überzeugend, dass die drei christlichen Grundhaltungen Glaube, Hoffnung und Liebe in gewissem Sinne Ausdruck unserer Geduld mit Gott sind (bzw. sein sollten), als Möglichkeiten nämlich, mit der Erfahrung der Verborgenheit Gottes in Zeiten von Leiden, Scheitern und Schmerz umzugehen. Glaube und Liebe sind untrennbar verbunden mit Vertrauen und Treue, Vertrauen und Treue müssen sich aber gerade im geduldigen Ausharren in schwierigen Lebensabschnitten, die vom Schweigen Gottes geprägt sind, bewähren. Unter dieser Perspektive erscheint für Halík ein zweifelnder, suchender, ringender Atheismus dem christlichen Glauben gar nicht so ferne zu stehen, wie oft gedacht – in diesem Sinne kann der Autor sogar sagen, Atheismus sei eigentlich nur ein Ausdruck von Ungeduld, das Urteil der Atheisten über die Abwesenheit Gottes in der Welt gewissermaßen eine „nicht zu Ende gesprochene Wahrheit“.
Der Mensch kann und darf mit dem großen Geheimnis, das Gott darstellt, niemals so schnell fertig werden, vielmehr muss ein lebendiger, reifer Glaube immer offen sein für Überraschungen, die Gott bereithält, und er muss auch in der Lage sein, Zeiten der Gottferne auszuhalten. Dieses Ziel verfehlt aber sowohl ein gleichgültiger Atheismus wie ein religiöser Fundamentalismus, der Gott bereits zu „haben“ meint. Sehr viel mehr Sympathie hegt der Autor dagegen für jene Menschen, die sich wie der Zöllner Zachäus im Lukasevangelium zwar nicht ganz nach vorne trauen, aber aus einer gewissen Distanz heraus dennoch neugierig und irgendwie auch sehnsüchtig den Wunsch haben, Jesus zu sehen. Die in diesem Sinne „Fernstehenden“ können, wenn sie sich den Geist der Suchenden bewahren, nach Ansicht des Autors Gott näher stehen als manche allzu sicheren Frommen, und sie können gerade für die Frommen auch zum Anlass werden, den eigenen Glauben offen zu halten für andere Perspektiven als nur die eigene.
Zum Glück wird Tomás Halík als Autor spiritueller Literatur nun auch in Deutschland entdeckt, hoffentlich werden diesem großartigen Buch noch viele weitere in deutscher Übersetzung folgen. Bis dahin kann man sich in Geduld üben und „Geduld mit Gott“ mehrmals lesen, denn dieses Buch enthält eine derartige Fülle an (auch neuen) Gedanken, dass man ohnehin nicht so schnell damit fertig werden kann. Und etwas Besseres kann man über ein Buch kaum sagen.
Thomas Steinherr, Sankt Michaelsbund