Das Gebet war Jahrhunderte lang einer der wesentlichen Grundvollzüge christlicher Religion. Dennoch tun sich heute viele Menschen schwer damit zu beten. Das Buch „Beten schenkt Heimat" des Theologen Gerhard Lohfink will seinen Leserinnen und Lesern Wege aufzeigen, sich wieder verstärkt dem Gebet zuzuwenden. Der Untertitel des Buches weist bereits darauf hin, dass dabei sowohl Theologie wie Praxis des christlichen Betens behandelt werden sollen, im Verlauf der Überlegungen wird dann umso deutlicher, wie eng beide zusammengehören, so dass der Autor Theorie des Betens und Gebetspraxis nicht getrennt voneinander behandelt, sondern immer beides gleichzeitig im Blick behält. Er zieht dazu immer wieder die Heilige Schrift heran, analysiert deren Texte sehr genau und bringt sie in Beziehung zu konkreten menschlichen Erfahrungen, wodurch das Buch anschaulich und gut lesbar wird.
Ein wenig verblüffend erscheint vielleicht zunächst der Ausgangspunkt der Überlegungen, an dem der Autor den Lesern ins Gedächtnis ruft, dass christliches Beten sich immer an eine der göttlichen Personen richten muss. Der Christ betet nicht allgemein zu „Gott" (bzw. wo er dies tut, meint er in aller Regel eigentlich den Vater), denn sonst bliebe das wesentliche christliche Heilsgeheimnis, das Verhältnis Jesu zu seinem Vater, beim Beten völlig unberücksichtigt. Dabei ist aber gerade der Christ davon überzeugt, dass allein Jesus dem Menschen den Weg zum Vater eröffnet. Christliches Beten ist also nur möglich auf der Grundlage der ganzen (jüdisch-christlichen) Heilsgeschichte, weshalb es den Betenden immer auch hineinnimmt in die Gemeinschaft aller Gläubigen, in der Jesus selbst gegenwärtig ist.
Der größte Teil des Buches widmet sich dann dem Bittgebet, das dem Menschen vielleicht am natürlichsten, zugleich aber auch (schon seit der Antike) am problematischsten ist: Darf man, muss man Gott überhaupt um etwas bitten? Können Gebete erhört werden? Greift Gott dann in die Geschichte ein, und wenn ja, handelt er auch heute? Überzeugend die Antworten des Autors: Das Bittgebet ist unaufgebbar, wenn die Beziehung zu Gott wirklich eine personale Begegnung sein soll; wir dürfen dabei um alles, auch um persönliche Dinge bitten (sofern sie nicht unsinnig sind oder anderen schaden würden), auch Jesus selbst hat das getan; wir dürfen dabei sogar sicher sein, immer erhört zu werden - allerdings sieht die Gestalt, wie Gott unsere Bitten tatsächlich erfüllt, manchmal ganz anders aus, als wir es uns vorgestellt hatten; dies gilt es demütig und vertrauensvoll zu akzeptieren mit der von Jesus selbst noch in der Todesangst von Gethsemane gemachten Einschränkung „Aber nicht mein, sondern dein Wille geschehe!" Auch anderen Gebetsformen wie Lobpreis, Dank, Klage und Anbetung werden angesprochen und erläutert. Sehr instruktiv sind vor allem die Ausführungen Gerhard Lohfinks zum Klagegebet, wie es insbesondere in den Psalmen häufig zu finden ist. Von hier ausgehend werden die Psalmen in ihrer Gesamtheit vorgestellt als eine beispielhafte Gebetsschule, die alle Formen des Betens enthält und so in ihrer Fülle eine Heimat für jeden Betenden zu werden vermag. Weitere Kapitel widmen sich noch der Meditation als möglicher christlicher Gebetsform und der Erläuterung des Hochgebets der katholischen Messe. Das Buch endet schließlich mit dem Hinweis, dass jeder seine eigene, individuelle Gebetsgeschichte habe, und das sehr persönlich geschilderte Beispiel des Autors ermutigt die Leser dazu, auch ihre eigene Gebetsgeschichte in den Blick zu nehmen. So ist das Buch für alle spirituell Interessierten ein hilfreicher und wertvoller Zugang zum christlichen Beten.
Thomas Steinherr, Sankt Michaelsbund