Selbst vielen regelmäßigen Kirchgängern ist es nicht allzu geläufig, dass der Sonntag nach Ostern seit dem Heiligen Jahr 2000 in der katholischen Kirche als "Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit" begangen wird. Der Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn hat deshalb das Anliegen dieses von Papst Johannes Paul II. eingeführten Festes gezielt aufgegriffen und im vergangenen Jahr im Stephansdom über mehrere Monate hinweg Katechesen über die göttliche Barmherzigkeit gehalten. Diese Katechesen sind nun in gekürzter und überarbeiteter Form auch als Buch erschienen.
Nach einem Einführungskapitel über Papst Johannes Paul II. als "Papst der Barmherzigkeit", in dem erklärt wird, wie dieser durch die später von ihm selbst heilig gesprochene Ordensschwester Faustyna Kowalska dazu veranlasst wurde, gerade diesen Aspekt der christlichen Lehre besonders in den Vordergrund zu rücken, behandeln weitere acht Kapitel verschiedene Facetten der göttlichen Barmherzigkeit. Zunächst geht es dabei um den scheinbaren Widerspruch zwischen dem zornigen und dem barmherzigen Gott des Alten Testaments. Hier zeigt Kardinal Schönborn auf, wie von Abraham an, ja im Grunde seit der Erschaffung der Welt Gott immerzu nach Möglichkeiten sucht, seine Barmherzigkeit zu verwirklichen. Demgegenüber ist die Barmherzigkeit Jesu, die in den nächsten beiden Kapiteln zur Sprache kommt, nichts völlig Neues, sie ist vielmehr die Inkarnation von Gottes Barmherzigkeit. Dabei ist Jesu Erbarmen mit den Kranken, Leidenden und Sündern mehr als eine bloße menschliche Emotion, es ist vielmehr das Übermaß des Erbarmens, das - um den Preis der völligen Selbsthingabe - selbst verhärtete Herzen bekehren kann. Weitere Kapitel widmen sich dem Apostel Paulus als Zeuge und Missionar der Barmherzigkeit sowie Maria als Mutter der Barmherzigkeit, der Beichte als Sakrament der Barmherzigkeit und den von jedem Christen geforderten Werken der Barmherzigkeit. Das letzte Kapitel nimmt dann ein für das ganze Buch zentrales Motiv genau in den Blick, das Verhältnis von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. Und um schließlich zu erklären, wie die alle Menschen umfassende Barmherzigkeit Gottes dennoch die Freiheit des Menschen respektieren könne, zieht der Autor eine sehr schöne und eindrucksvolle Überlegung der heiligen Edith Stein heran.
Da die Texte als Katechesen entstanden sind, geht Kardinal Schönborn bei allen Themen zunächst immer von ganz konkreten Fragen und Problemen aus, die viele Gläubige beschäftigen, blickt dabei durchaus auch kritisch auf Fehlentwicklungen, die es immer wieder innerhalb der Kirchengeschichte gegeben hat, wo nicht selten gerade die Barmherzigkeit Gottes durch allzu strenge Moralvorschriften und Höllenpredigten verdunkelt wurde. Überhaupt geht es dem Autor weniger um theologische Reflexionen als um eine spirituelle Auslegung der Heiligen Schrift für den Glaubensalltag. So ist ein schönes Buch entstanden, das gerade dem modernen Menschen viel über den Grundgehalt des christlichen Glaubens vermitteln kann. (Thomas Steinherr, Sankt Michaelsbund)