Es ist heute in Deutschland längst keine Selbstverständlichkeit mehr, Christ zu sein. In der jüngeren Generation sind immer mehr Menschen nicht getauft, andere sind im Lauf ihres Lebens aus der Kirche ausgetreten, wieder andere sind zwar noch offiziell Mitglied einer christlichen Glaubensgemeinschaft, haben sich innerlich aber weit vom Glauben entfernt. Trotzdem sind viele, vielleicht sogar alle irgendwie auf der Suche nach Sinn, haben Fragen an das Leben und Fragen an Gott. Die Theologin Gabriela Grunden begegnet in der Münchner „Glaubensorientierung“ täglich Frauen und Männern, die auf der Suche sind nach einem lebendigen und vor der Vernunft zu rechtfertigenden Glauben an Gott. Vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen mit der Begleitung dieser am Christentum interessierten Erwachsenen hat sie nun das Buch „Wer glaubt, fragt“ verfasst. Dabei richtet sich dieses Buch jedoch keineswegs ausschließlich an Suchende und Zweifelnde, vielleicht noch nicht einmal in erster Linie. Denn – der Buchtitel deutet es bereits an – Fragen gehören in notwendiger und bleibender Weise zum Glauben dazu. Ein Glaube, der nicht mehr fragt, ist nicht gefestigt, sondern in sich verschlossen, ihm fehlt die Offenheit für neue Gottesbegegnungen.
Wie selbstverständlich das Fragen für die Beziehung zwischen Gott und den Menschen ist, zeigt die Autorin bereits im ersten Kapitel auf, indem sie auf die vielen Fragen in der Heiligen Schrift hinweist. Da fragt Gott von Beginn an den Menschen (Adam, Kain...), und Gott lässt sich auch vom Menschen fragen (z.B. von Mose, Ijob). Auch Jesus fragt immer wieder, die Pharisäer und Schriftgelehrten, aber auch seine Jünger (Für wen haltet ihr mich?), und er lässt sich ebenso von ihnen fragen.
So werden auch in den weiteren Kapiteln vorwiegend Fragen gestellt – grundlegende, jeden Menschen (irgendwann) betreffende Fragen nach Liebe und Gerechtigkeit, die große Frage nach dem Kreuz, Fragen nach Trost und Mitleid, nach Freiheit und dem Geheimnis des Anderen werden aufgenommen und ernst genommen: Wie kann Gott Liebe einfordern? Wie kann man angesichts des Leides an einen Gott der Liebe glauben? Leidet auch Gott – an den Menschen, mit den Menschen? Für wen lebst du? Die Autorin verzichtet ganz bewusst auf (vorschnelle) Antworten, bescheidet sich damit, im Rückgriff auf die Heilige Schrift und auf die Tradition Ignatianischer Spiritualität Richtungen aufzuzeigen, in denen Antwortversuche vielleicht am ehesten möglich scheinen. Entscheidend aber ist der klare Hinweis, dass die letzten, die einzig überzeugenden und heilenden Antworten von Gott selbst kommen müssen und nur von ihm kommen können.
So liegt das besondere Verdienst dieses Buches darin, in eindringlicher Weise zu vermitteln, dass es manchmal (und vielleicht sogar oft) auch eine lange Zeit des beharrlichen Fragens braucht, um von Gott – im Gebet, aber auch in den aufmerksam wahrgenommenen Erfahrungen des eigenen Lebens – Antworten zu erhalten. Die Psalmen legen ein beredtes Zeugnis davon ab. Mit der Offenheit einer Frage leben zu müssen, mit der Offenheit der alles entscheidenden Fragen zumal, braucht allerdings Geduld und Treue. Hier sind wirklich die christlichen Grundtugenden gefragt, von denen der Apostel Paulus spricht: Glaube, Hoffnung, Liebe. Diesen untrennbaren Zusammenhang zwischen fragen und glauben so klar aufgezeigt zu bekommen wie im vorliegenden Buch, bedeutet sicher für viele Christinnen und Christen eine große Ermutigung. Deshalb kann man diesem schönen und überzeugenden Buch nur eine möglichst große Verbreitung wünschen!
Thomas Steinherr, Sankt Michaelsbund