Die sechseinhalb Wochen der vorösterlichen Fastenzeit geben allen Christinnen und Christen jedes Jahr aufs Neue die Gelegenheit, das eigene Glaubensleben auf Versäumnisse und Fehler zu überprüfen und mehr als sonst das Gespräch mit Gott zu suchen. Dabei geht es nicht in erster Linie um Verzicht und Abkehr von weltlichen Dingen, wie Basil Hume, der 1999 verstorbene ehemalige Erzbischof von London/Westminster, zu Beginn seines Buches "Eine Zeit, um aufzublicken" erklärt; es geht vielmehr darum, sich wieder mit ganzer Kraft Gott zuzuwenden. Dazu sind strukturierte Meditations- und Gebetszeiten natürlich sehr hilfreich und deshalb haben spirituelle Fastenbegleiter wie das hier vorgestellte Buch, das für jeden Tag der Fastenzeit eine konkrete geistliche Anregung bietet, eine gute Tradition. Auch der Aufbau des Büchleins von Basil Hume folgt keinen neuen Ideen, ist traditionell im besten Sinne zu nennen - zu jedem Tag gibt es einen kurzen Bibeltext (jeweils ein Auszug aus einer der Tageslesungen), dann eine kleine Meditation und zum Abschluss ein ganz kurzes Gebet (nur ein oder zwei Sätze).
Was die Meditationen von Kardinal Hume jedoch besonders auszeichnet, ist die ganz außergewöhnliche Prägnanz der vorgetragenen Gedanken. Der im englischen Sprachraum sehr bekannte und geschätzte Autor hatte wirklich die Begabung, mit nur wenigen Worten das Wesentliche zu einem bestimmten Thema anzusprechen und damit zugleich vielfältige Impulse zum Weiterdenken zu setzen. So ist es dem Leser dieser Fastenmeditationen ohne weiteres möglich, die Texte jeden Tages in wenigen Minuten zu lesen - dann aber in Gedanken immer wieder während des Tages darauf zurückzukommen und so die spirituellen Anregungen wirklich in den Alltag mitzunehmen. Die Sprache ist klar, vermeidet theologisches Fachvokabular und kann von jedem Leser, auch von Jugendlichen, gut verstanden werden. Trotzdem sind die angesprochenen Themen durchaus gewichtig und von großer Bedeutung für jeden Christen: es geht beispielsweise um Leid und Prüfung, um Versuchung und Sünde, um Bekehrung und Nächstenliebe, um Vergebung und Hoffnung, um Freiheit, Kreuz und Auferstehung. Auch die abschließenden Gebete, die das Thema der jeweiligen Meditation aufgreifen, überzeugen durch ihre Konzentration auf das Wesentliche und vermeiden jedes überflüssige Wort.
So wird dieses äußerlich ganz unspektakuläre Buch zu einem wertvollen spirituellen Begleiter durch die österliche Bußzeit hindurch. Wer sich darauf einlässt, jeden Tag die jeweiligen ein bis zwei Seiten zu lesen und zu bedenken, der muss sich keine unrealistisch langen Meditations- und Gebetszeiten vornehmen und wird doch in jedem Falle reich belohnt werden. (Thomas Steinherr, Sankt Michaelsbund)