Charlotte Stapenhorst, eine junge Frau aus Deutschland, trifft eine radikale Entscheidung: sie lässt ihr protestantisch geprägtes Leben hinter sich, konvertiert zum orthodoxen Glauben und tritt in Griechenland in ein Kloster ein. Zwanzig Jahre später macht sich Charlottes Jugendfreundin Ilka Piepgras auf den Weg nach Griechenland. Die Journalistin will verstehen, was ihre Freundin zu der radikalen Lebenswende bewogen hat. Ihre Reise in die Welt der griechischen Orthodoxie hat sie zu einem sehr persönlichen, vielschichtigen Buch verarbeitet. Sie zeichnet Charlottes Weg von einer Kunststudentin zur griechisch-orthodoxen Äbtissin („Gerondissa“) Diodora nach. Parallel dazu beschreibt sie ihre Auseinandersetzung mit den Fragen und Zweifeln, die der Versuch bei ihr auslöst, Charlottes Entscheidung zu verstehen. Und schließlich öffnet das Buch eine Tür zu einer fremden, aus mitteleuropäischer Sicht archaisch anmutenden Welt, in der die Zeit stehen geblieben scheint.
Charlotte, oder besser Diodora, scheint ihre Bestimmung gefunden zu haben. Sie schließt sich der Gemeinschaft eines griechischen Priestermönchs vom Berg Athos an, dem sie sich bedingungslos unterwirft. Er wird ihr geistlicher Vater („Geronda“) und spiritueller Lehrer. Piepgras ist dieser bedingungslose Gehorsam fremd und unbehaglich. Obwohl sie das Gehorsamsprinzip ablehnt, erkennt sie doch seinen Wert für die orthodoxe Spiritualität: „Die Einsicht in die Notwendigkeit, sich geistlicher Führung hinzugeben, gehört zu den wesentlichen Merkmalen des orthodoxen Glaubens. Oder, anders ausgedrückt, wer sich auf die spirituelle Suche macht, kommt unter der Obhut eines Geronda viel weiter, als wenn er allein auf sich gestellt bleibt.“ Dieses Ringen mit dem Glauben ihrer Freundin und die Bereitschaft, ihren eigenen Standpunkt zu hinterfragen, zeichnet Piepgras’ Buch aus.
Die Passagen, in denen sie ihre Leser/innen am Ringen um die eigene Spiritualität teilhaben lässt, gehören zu den stärksten dieses Buches. Bei einem Besuch in einem Nachbarkloster setzt sie sich in die kleine Kirche. Sie will „ein bisschen herumsitzen, planlos und allein“. Eindringlich beschreibt sie die Atmosphäre der Kirche – und das, was ihr Herumsitzen auslöst: „Zehn, fünfzehn Minuten sitze ich da und habe das Gefühl, etwas Schweres drücke mich nieder. Es ist nichts Schlechtes, ich fühle mich geborgen und angenehm klein. Wie gerne wäre ich religiös und würde daran glauben, mich könne das Göttliche umarmen, bedingungslos und entgegen jeder Vernunft, aber ich sehe nur mich selber, an eine Steinmauer gekauert und die Hände ineinander verschränkt.“
Am Ende ihres Besuches versteht sie ihre Freundin tatsächlich besser. Sie fragt Diodora, ob sie ihr einen Rat für ihre Gottessuche geben könne. „Immer weitersuchen! Schau, was dir guttut, und vertiefe das. Treibe nichts mit Gewalt und purem Willen voran, sondern erspüre. Und versuche vor allen Dingen nicht etwas zu sein, was du nicht bist.“
Die Spannung zwischen der Entschiedenheit Diodoras und Piegras’ tastender Suche nach dem eigenen Glauben verhindert, dass man das Buch schulterzuckend beiseitelegt, weil die Superreligiosität der orthodoxen Nonne unerreichbar scheint. Priepgras’ Fragen und Zweifel helfen den Leser/innen, ihre eigenen Fragen zu entdecken.
Für die Reportage über ihren Besuch bei Diodora in der Wochenzeitung „Die Zeit“ erhielt Ilka Piepgars 2008 den Katholischen Medienpreis. Ihr sorgfältig komponiertes, eindringlich erzähltes Buch ist ebenfalls preisverdächtig – eine Perle, wie man sie nicht alle Tage findet.
Christoph Holzapfel, Borromäusverein