Die 1891 geborene, erst 1922 getaufte und 1942 in Auschwitz-Birkenau wegen ihrer jüdischen Herkunft ermordete Philosophin und Karmelitin Edith Stein wurde 1998 durch Papst Johannes Paul II. heiliggesprochen. Ihr umfangreiches philosophisches und theologisches Werk wird erst nach und nach in der seit dem Jahr 2000 im Herder Verlag erscheinenden Edith-Stein-Gesamtausgabe vollständig erschlossen. Eine kleine Auswahl der bislang weniger bekannten geistlichen Texte Edith Steins hat Maria Antonia Sondermann OCD, Mitherausgeberin der Gesamtausgabe, jetzt unter dem Titel „Dein Herz verlangt nach mehr“ als Einzelband im Patmos Verlag veröffentlicht. Die relativ kurzen Texte sind sechs Kapiteln thematisch zugeordnet, es gibt Texte zur Advents- und Weihnachtszeit sowie zur Fasten- und Osterzeit, es geht um die Bildung der Persönlichkeit des Menschen, um das Mysterium der Eucharistie und um die Wirkung des Gebets, ein Kapitel enthält Betrachtungen und Gebete. Die Einführung der Herausgeberin schildert in aller Kürze den Lebensweg von Edith Stein, eine Zeittafel und ein Quellenverzeichnis beschließen den kleinen Band.
Einiges von dem, was Edith Stein in ihren geistlichen Betrachtungen schreibt, klingt überraschend modern und aktuell, das meiste ist wegen der eindeutig spirituellen Ausrichtung wohl zeitlos zu nennen. Manches ist allerdings auch für den heutigen Leser nicht immer unmittelbar einleuchtend und nachvollziehbar, klingt für unsere Ohren vielleicht sogar antiquiert oder merkwürdig fremd; doch das Wissen um den ungewöhnlichen Lebensweg der Autorin sollte Grund genug sein, gerade dann näher hinzusehen und Abstand zu nehmen von vorschnellen Urteilen: Wer sich etwa über eine immer wieder durchscheinende schlichte Gläubigkeit in Bezug auf die Heilige Schrift und kirchliche Dogmen verwundern möchte, muss doch andererseits die außergewöhnliche Intelligenz und Bildung dieser Frau bedenken; wer sich an der positiven Bewertung der Begriffe Opfer, Kreuz und Hingabe stört, sollte sich an den mutigen, aktiven Weg und das schwere Schicksal von Edith Stein erinnern; und wem beispielsweise ihre Sicht auf die besondere Hingabefähigkeit der Frau unzeitgemäß erscheint, der darf nicht vergessen, wie modern Edith Stein gerade in ihrem Eintreten für eine völlige gesellschaftliche Gleichberechtigung der Frauen gewesen ist. So ist manchmal eine unvoreingenommene Sicht Voraussetzung dafür, die ganze Tiefe der Gedanken Edith Steins erfassen zu können.
In jedem Fall ist man mit diesen geistlichen Texten von Edith Stein nach einmaligem Lesen noch lange nicht fertig. Manches wird man mehrfach lesen müssen, um es ganz zu verstehen, vieles wird man immer wieder lesen wollen. Denn eines ist in allen Texten zu spüren: Hier spricht ein Mensch über das göttliche Geheimnis, der von diesem ganz und gar ergriffen worden ist. Und darin kann die große Heilige jeder Leserin und jedem Leser nur Vorbild sein. Schön, dass mit diesem Buch nun für viele die Gelegenheit besteht, sich der Spiritualität Edith Steins weiter anzunähern. (Thomas Steinherr, Sankt Michaelsbund)