Wer wünschte sich das nicht: Dem Papst in Castelgandolfo sechs Stunden lang gegenüberzusitzen und ihn unter vier Augen alles fragen zu können, was man über die Katholische Kirche heute wissen möchte. Für den Journalisten Peter Seewald ist das tatsächlich im Sommer dieses Jahres möglich gewesen. 1996 hatte Seewald bereits mit dem damaligen Kurienkardinal Joseph Ratzinger einen derartigen Interviewband unter dem Titel „Salz der Erde" herausgebracht, im Jahr 2000 noch den Nachfolgetitel „Gott und die Welt". Schon damals waren die unerwartet zahlreichen Leserinnen und Leser überrascht von der Offenheit, mit welcher der als unnachgiebig und unnahbar geltende Präfekt der Glaubenskongregation alle ihm vorgelegten Fragen freimütig beantwortete, und meist auch von den so nicht erwarteten Antworten selbst.
Dass Joseph Ratzinger auch als Papst Benedikt XVI. im Gespräch diese Offenheit und Nachdenklichkeit an den Tag legen würde, durfte man also fast schon erwarten - und doch ist es verblüffend, wie klar und ohne auszuweichen sich Papst Benedikt auch den unangenehmen Fragen nach den Krisen der Katholischen Kirche in den letzten Jahren stellt: von der umstrittenen Regensburger Rede über die unselige Affäre Williamson bis zum alptraumhaften Missbrauchsskandal. Natürlich ist der Heilige Vater zu diesen Fragen in erster Linie darum bemüht, Hintergründe zu erläutern und die Positionen und Verhaltensweisen des Vatikans zu diesen Vorkommnissen verstehbar zu machen. Doch diese Ausführungen sind durchaus selbstkritisch gehalten, räumen immer wieder Fehleinschätzungen und Versäumnisse der Vatikanbehörden ein und sagen gelegentlich ganz offen, dass im Nachhinein betrachtet auch der Papst selbst vielleicht besser anders gehandelt hätte.
Noch entscheidender als die Erkenntnis, dass Benedikt XVI. alles andere als kritikresistent und doktrinär ist, sind freilich die theologischen Hintergründe, die der Heilige Vater in seinen Antworten zu den sehr konkreten Fragen aufzeigt, gerade auch zu den sog. „heißen Eisen" wie Aids, Homosexualität, Ökumene etc. Hier kann auch für diejenigen, welche die Positionen des Vatikans nicht teilen, deutlich werden, dass der christliche Glaube keineswegs Verbote und Gebote, sondern den Menschen in den Mittelpunkt stellt, allerdings den Menschen vor Gott. Daraus ergeben sich hohe Ansprüche an den Menschen, vor allem aber, und das ist Benedikt XVI. ganz wichtig zu zeigen, gewinnt dadurch der Mensch, und zwar jeder einzelne Mensch eine ungeheure Größe und Bedeutung. Das als Hintergrund aller, manchmal scheinbar so weltfremder Lehraussagen der Kirche noch besser zu vermitteln, ist jedoch - wie der Papst einräumt - „eine große Aufgabe, ... an der noch mehr und noch besser gearbeitet werden muss" (S. 175). Dieses Buch geht jedenfalls bereits einen Schritt in die richtige Richtung - gerade deshalb hätte man sich gewünscht, dass hier manches noch etwas ausführlicher hätte dargestellt werden können, hier hätte der Interviewpartner an mancher Stelle durchaus noch intensiver nachfragen können. Besonderer Dank gebührt Peter Seewald jedenfalls dafür, dass er als einer der ganz wenigen aufgreift, wie sehr dieser Papst sich für die Schöpfung und ihre Erhaltung einsetzt - ein Aspekt seines Pontifikats, der unverständlicherweise von der Öffentlichkeit bisher kaum wahrgenommen wird.
Insgesamt vermag das Buch in jedem Fall dazu beizutragen, dass Papst Benedikt XVI., vor allem aber dass die Lehre der Katholischen Kirche besser verstanden werden kann. Ein wichtiges Buch also zur rechten Zeit, man kann sich nur wünschen, dass es viele aufmerksame Leserinnen und Leser finden mag.
Thomas Steinherr, St. Michaelsbund