Angesichts der internationalen Finanzmarktkrise kommt das neue Buch des Münchner Erzbischofs mit dem anspielungsreichen Titel zweifellos genau zur rechten Zeit. Denn nach der Ernüchterung über die immer deutlicher zu Tage tretenden Schattenseiten eines globalisierten und immer unbeschränkteren Kapitalismus macht sich eine gewisse Ratlosigkeit breit. Orientierung suchen in dieser Situation nicht wenige wieder von neuem bei den Theorien von Karl Marx, der ja vor mehr als 140 Jahren mit seinem Buch "Das Kapital" das Scheitern des Kapitalismus vorausgesagt hat. Dass es jedoch sehr wohl einen dritten Weg, einen Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus gibt, will Erzbischof Reinhard Marx mit seiner sehr aktuellen Darstellung der katholischen Soziallehre zeigen.
Die Analyse der gegenwärtigen wirtschaftlichen Schieflage und der daraus folgenden gesellschaftlichen Probleme in einem globalisierten Kapitalismus liefert dem Autor gewissermaßen den Kontrast, vor dem er dann die Prinzipien der katholischen Soziallehre anschaulich erklärt: die personale Würde des Menschen, die niemals allein in dessen Arbeitskraft und Leistungsfähigkeit, aber auch nicht in Besitz und Kapital aufgehen kann; Gerechtigkeit, die zur Solidarität der Menschen untereinander auffordert; die Freiheit des Individuums, die subsidiäre Hilfe statt Bevormundung verlangt. Vieles wird dabei an aktuellen Beispielen aus Wirtschaft und Gesellschaft verdeutlicht. Das besondere Verdienst des Buches liegt aber gerade darin zu zeigen, dass die katholische Soziallehre nicht in Auseinandersetzung mit einzelnen sozial-ökonomischen Problemen entstanden ist, sondern auf der Basis des christlichen, des biblischen Menschenbilds. So bietet die katholische Soziallehre auch keine konkreten politischen Lösungsvorschläge, doch sie weist die Richtung, in der diese gesucht werden müssen, wenn der unumgängliche gesellschafts- und wirtschaftspolitische Rahmen für die Individuen zu einer wirklich umfassend verstandenen menschlichen Freiheit führen soll, einer Freiheit, die Gerechtigkeit nicht als ihre Einschränkung bekämpft, vielmehr als ihre notwendige Ergänzung begreift. Die freie Marktwirtschaft braucht deshalb einen Ordnungsrahmen, der sie zur sozialen Markwirtschaft macht und so Freiheit erst für wirklich alle Menschen ermöglicht. Dass dabei die durch die Globalisierung der Kapitalströme entstandenen Probleme nur gelöst werden können durch eine Globalisierung auch der Solidarität, ist eine Erkenntnis, die aus der ökonomischen Vernunft gewonnen werden kann, die aber zuallererst bereits aus der Universalität des christlichen Glaubens folgt, der in schlechthin jedem Menschen Gottes Abbild sieht.
Durchaus im Sinne einer solchen "positiven Globalisierung" ist es natürlich, dass das Buch von Erzbischof Reinhard Marx - sicher auch ein Verdienst des geschickt gewählten Titels - auch international bereits Beachtung gefunden hat. In jedem Fall kann es erheblich dazu beitragen, die katholische Soziallehre als eine ethisch fundierte, langfristig gesehen aber auch ökonomisch erfolgversprechende Option bekannter zu machen. Und nicht zuletzt wird es manchen religiös interessierten Lesern wieder mehr zu Bewusstsein bringen, dass Christen durch ihren Glauben immer auch zu einem gesellschaftlichen Engagement aufgerufen sind. (Thomas Steinherr, Sankt Michaelsbund)