Der katholische Heiligenhimmel kennt eine Menge faszinierender Gestalten. Da sind die bekannten Heiligen wie Franziskus oder Elisabeth von Thüringen. Da sind Heilige, deren Lebensgeschichte sich historisch nicht greifen lässt, wie Christopherus. Und dann sind da die vielen nahezu unbekannten Heiligen, darunter etliche, die erst vor wenigen Jahren heilig oder selig gesprochen worden sind. Mutter Teresa kennt jedes Kind, aber Rafqa Rebekka Ar Rayès? Ihre Geschichte findet sich unter den 366 Porträts, die Andreas Rode für sein "Jahresbuch der Heiligen" zusammengestellt hat.
Rafqa Rebekka Ar Rayès (1832-1914) war eine libanesische Nonne. Bei den Mirjam-Schwestern kümmerte sie sich um die religiöse und schulische Unterweisung von Kindern. Im Bürgerkrieg ab 1860 schützte sie die ihr anvertrauten Kinder vor den Angriffen auf das Kloster, auch unter Einsatz ihres Lebens. Sie verstarb 1914 blind und gelähmt. 2001 sprach Johannes Paul II. sie heilig.
Das Porträt dieser Ordensfrau zeigt, worum es Andreas Rode geht: Neben den traditionellen, bekannten Heiligengestalten auch von unbekannten Christen zu erzählen und auf diese Weise die Vielfalt dessen zu zeigen, was die katholische Kirche unter "heilig" versteht. Der Benediktiner Odilo Lechner beschreibt in seiner Einführung zum "Jahresbuch" Heilige als Menschen "an denen sich Gottes heiligende Kraft in besonderer Weise gezeigt hat. Sie … geben Gewissheit, an jedem Ort, in jeder Situation, in jedem Stand, auch in meinem, kann Gottes Gnade einen Menschen heiligen." Ihre Geschichte zu erzählen bedeute, so Abt Odilo weiter, die eigene christliche Existenz als Existenz in der Gemeinschaft der Heiligen zu erfahren. Das könne dann auch eine Hilfe sein gegen die um sich greifende Empfindung der Gottesferne.
Nach der theologisch soliden und gegenwartsbezogenen Einführung folgen die Heiligenporträts. Andreas Rode hat aus der Fülle des katholischen Heiligenkalenders eine gelungene Mischung zusammengestellt aus traditionellen und neueren, aus bekannten und so gut wie unbekannten Heiligen, Seligen und solchen Christen, deren Seligsprechungsverfahren gerade erst eröffnet worden ist. In lebendig geschriebenen Porträts erzählt er ihre Lebensgeschichten, wobei er historisch greifbare von legendarischen Elementen zu unterscheiden weiß und die "innere Wahrheit" einer Legende wie der des Christopherus zugänglich macht. Viele Porträts ergänzt er durch Auszüge aus den Legenden und durch Dokumente aus der Feder des jeweiligen Heiligen.
Sorgfältig ausgewählte Illustrationen, im Anhang noch dazu kundig erschlossen, und ein ansprechendes Layout tragen dazu bei, dass man das Buch gerne in die Hand nimmt. Ein ausführliches Register u. a. mit den Zuständigkeiten der Heiligen (Thomas von Aquin als Patron der Buchhändler) und mit ihren Attributen (ein Turm für die hl. Barbara, ein Sperling für Dominikus) erschließt das Jahresbuch systematisch.
Andreas Rode ist mit diesem Buch ein kleines Kunstwerk gelungen. Seine Porträts bezeugen die unzähligen Facetten christlichen Lebens und lassen etwas von der Wirklichkeit Gottes in dieser Welt ahnen. (Christoph Holzapfel, Borromäusverein)