„Ich glaube, dass ich glaube“ – diese Erkenntnis stellte sich bei dem Philosophen Gianni Vattimo (geb. 1936) bei einem Telefongespräch an einem öffentlichen Münzfernsprecher in einem Mailänder Eiscafé ein. Und noch Jahre später schreibt er, dass diese Formulierung seine Beziehung zum Christentum am besten treffe. Geprägt von der Philosophie unserer Zeit ist Vattimo überzeugt, dass man Gott nicht mit den Mitteln des Verstandes erkennen, sondern von ihm nur vom Hörensagen wissen könne. Man müsse also jene Ungewissheit akzeptieren, die das Vertrauen auf das Zeugnis und die Erfahrungen anderer mit sich bringt.
Die Gedanken des Philosophen Vattimo über seinen Glauben bilden den Schlussakkord dieses Buches, das Anselm Grün aus Glaubenserfahrungen aus annähernd 2000 Jahren Christentum komponiert hat. Er beginnt mit einem theologischen Schwergewicht der Geschichte, Augustinus (354 – 430), dessen Glaubenserfahrung den Gegenpol zu denen Vattimos bildet. Sie war von zunehmender Sicherheit geprägt - und großer Abscheu vor seinem früheren Lebenswandel, bevor „das Licht der Gewissheit“ in sein Herz strömte.
Weitere Stationen: Martin Luther, Teresa von Avila, Blaise Pascal und dann die großen Gottsucher des 20. Jahrhunderts: Paul Claudel, Alfred Döblin, Madeleine Delbrêl, Simone Weil. Sie alle wurden auf sehr unterschiedliche Weise von Gott „überwältigt“ (Madeleine Delbrêl) und schreiben in ihren Texten nicht nur von dieser Erfahrung, sondern auch von den oft sehr verschlungenen Wegen, die sie zu Gott geführt haben. Dabei entzieht sich das Geschehen dieser „Überwältigung“ meist der Beschreibung; gerade die Autorinnen und Autoren des 20. Jh. sind damit sehr zurückhaltend. Simone Weil schreibt z.B., Gott habe sie „ergriffen“ und „überwältigt“. Mehr erfährt man nicht. Die Texte lassen jedoch keinen Zweifel daran, wie existenziell dieses Erlebnis war.
Der große Reiz dieses Buches liegt in der Vielfalt dieser Erfahrungsberichte aus erster Hand. Die Texte zeigen, dass es nicht die eine Art und Weise gibt, in der Gott erfahren wird, sondern dass diese Erfahrung immer individuell ist, für jeden Menschen anders. So unterschiedlich die hier beschriebenen Gotteserfahrungen sind, so unterschiedlich sind auch die Konsequenzen, die die Autoren daraus gezogen haben. Für manche brachten sie, wie Augustinus, tiefe Gewissheit und eine Neuausrichtung des Lebens, anderen blieben ihre Zweifel, wie Gianni Vattimo. Anselm Grün hat zu jeder Autorin und jedem Autor ein kurzes Lebensbild verfasst, das das Verständnis der Texte erleichtert. Ein Quellennachweis hilft demjenigen, der ausführlicher in den Texten eines der Autoren lesen möchte.
Es ist nahezu unmöglich, sich nicht von diesen Glaubenszeugnissen packen zu lassen. Wem ein Autor mit seiner spezifischen Sichtweise nicht liegt, der wird mit Sicherheit bei einem der anderen Autorinnen und Autoren einen Gedanken finden, der zum Nachdenken anregt. In manchen Texten, gerade auch in den eher als sperrig empfundenen, können sich die eigene Gottsuche und die eigene Glaubensnot spiegeln; sie können eigene Glaubenserfahrungen bewusst machen und tragen nicht zuletzt dazu bei, den Glauben, der auf das Hörensagen angewiesen ist, reifen und wachsen zu lassen.
Christoph Holzapfel, Borromäusverein