„Kommt und seht!“ Mit diesen Worten lädt Jesus im Johannesevangelium zwei Jünger ein, sich von ihm und seiner Glaubensverkündigung ein Bild zu machen. Er hält ihnen keinen Vortrag, um sie intellektuell zu überzeugen, sondern gibt ihnen die Möglichkeit, ihn zu erleben. Ulrich Lüke, Professor für Systematische Theologie an der Universität Aachen, wählt für seine „Einladung ins Christentum“ einen ähnlichen Weg. Er lädt dazu ein, sich mit dem christlichen Glauben entlang des Kirchenjahres auseinanderzusetzen. Advent und Weihnachten, Fasten- und Osterzeit und die vielen kleinen und großen Feste bringen in seinen Augen die wesentlichen Glaubensinhalte wie die Menschwerdung Gottes oder die Auferstehung zu Bewusstsein.
Den Advent beschreibt er als Ausdruck der Hoffnung auf das Kommen Gottes in unsere Welt. Diese Hoffnung wirke befreiend und ermögliche eine andere Perspektive auf das eigene Leben. „Wer wirklich auf den kommenden Gott setzt, kann, wenn er das Seine getan hat, sich gehen und der Welt ihren Lauf lassen – eben dem kommenden Gott entgegen.“ Im Kapitel über Weihnachten denkt er über den ungeheuerlichen Vorgang der Menschwerdung Gottes nach. Nur weil Gott auf den Menschen zugehe, werde er überhaupt für ihn zugänglich und fassbar. „Weihnachten sagt uns: Christus ist die personifizierte menschliche Gegenwart Gottes. Und dieser Mensch, die Menschlichkeit in Person, ist Gott, wie er leibt und lebt.“ In Jesus Christus wird Gott erkennbar. Dass Gott ein menschliches Leben von der Wiege bis zur Bahre auf sich genommen hat, bedeutet auch, dass ihm nichts Menschliches fremd ist.
Lüke gelingt es, den Festen auf ihren theologischen Grund zu gehen. Er räumt Missverständnisse beiseite, die den aufgeklärten, von einer naturwissenschaftlichen Weltsicht geprägten Menschen heute im Wege stehen. So erklärt er, warum die beiden Himmelfahrtsfeste des Kirchenjahres, Christi Himmelfahrt und Mariä Himmelfahrt, ihre Berechtigung haben. Auch wenn die Menschen den Weltraum erforschen und deshalb wissen, dass der Liebe Gott dort nicht thront. Der Himmel ist kein Ort, der sich durch Koordinaten angeben lassen würde. Er ist vielmehr „liebende Beziehung, endgültige Beheimatung, vollkommene Geborgenheit“.
Lüke gelingen bei seinen Meditationen erfrischend neue Perspektiven, die das gewachsene Glaubensgebäude aufs Neue erschließen können. So charakterisiert er die Fastenzeit als „Trainingslager der Menschlichkeit“, das jedes Jahr neu dazu einlädt, Authentizität, Solidarität und Spiritualität einüben und sich so auf sich selbst und auf Gott zu besinnen. Im Kapitel „Baustellen des Christlichen“ schließlich spricht er einige der umstrittenen Themen an, wie z.B. die Gleichberechtigung der Frau oder das Verhältnis von Glaube und Naturwissenschaften.
Lükes „Einladung ins Christentum“ gilt allen, die sich mehr spirituell als theologisch argumentierend mit dem christlichen Glauben auseinandersetzen wollen, ob sie nun als praktizierende Christen einen spirituellen Zugang zu ihrem Glauben suchen, oder ob sie als spirituelle Sinnsucher das Christentum neu kennenlernen wollen. Für beide kann die Lektüre eine große Bereicherung sein.
Christopf Holzapfel, Borromäusverein