Eine kleine, gebeugte Frau in einem weißen Sari mit blauen Streifen: so kennen viele Menschen Mutter Teresa. In diesem Jahr wäre sie 100 Jahre alt geworden. Teresa wurde am 26. August 1910 als Agnes Gonxha Bojaxhiu in Skopje (Mazedonien) geboren und wuchs in einer wohlhabenden katholischen Familie auf. Mit 18 Jahren bat sie um Aufnahme bei den Loreto-Schwestern, dem irischen Zweig der Mary-Ward-Schwestern, auch als „englische Fräulein“ bekannt. Der Orden schickte Teresa nach Indien, wo sie in Kalkutta 17 Jahre lang an einer Schule tätig war.
Nach einem mystischen Erlebnis bat sie 1946 die Ordensleitung darum, den Orden verlassen zu dürfen. Zwei Jahre später konnte sie in die Slums ziehen; schon bald schlossen sich ihr ehemalige Schülerinnen an. 1950 gründete sie den Orden der „Missionarinnen der Nächstenliebe“. Heute gehören der Gemeinschaft laut orden-online.de 5100 Schwestern in über 500 Häusern auf der ganzen Welt an.
Mutter Teresa erhielt für ihr Wirken zahlreiche Preise, darunter 1979 den Friedensnobelpreis. Doch sie wurde auch heftig kritisiert. Die Vorwürfe reichen von mangelnder Hygiene und mangelhafter Ausbildung der Ordensfrauen bis zur Veruntreuung von Geldern. Die Behauptung, Mutter Teresa habe Geld veruntreut, stammt aus wenig seriöser Quelle und hat sich nicht bestätigen lassen. Was Ausbildung und Hygiene angeht, räumte Mutter Teresa freimütig ein, dass ihr Orden nicht nach den Gesichtspunkten der professionellen Krankenpflege arbeite. Ihr Biograf Christian Feldmann erinnert daran, dass es dem Orden nicht in erster Linie um Krankenpflege ginge, sondern darum, im Namen Jesu die Not ihrer Schützlinge bis in den körperlichen Schmerz hinein zu teilen. Diese Spiritualität, die Leiden nicht lindert, sondern nach dem Vorbild Jesu durchleben will, stieß und stößt auf Unverständnis.
1997 starb Teresa, zwei Jahre später begann bereits der Seligsprechungsprozess, der 2003 abgeschlossen wurde. Der schnelle Prozess trug der Tatsache Rechnung, dass Mutter Teresa schon zu Lebzeiten als Heilige verehrt wurde – und in Johannes Paul II. einen prominenten Fürsprecher hatte.
Private Notizen von Mutter Teresa zeugen von großer Glaubensnot und Gottesfinsternis. „Der Platz Gottes in meiner Seele ist leer – in mir ist kein Gott … Himmel – Seelen – warum sind das nur Worte – die mir nichts bedeuten.“ Die Veröffentlichung dieser Aufzeichnungen sorgte 2007 für ein großes Medienecho. War Mutter Teresa eine Ungläubige? Christian Feldmann erinnert daran, dass es für diese geistliche Not in der Geschichte viele Beispiele gibt, wie etwa Johannes vom Kreuz (1542-1591) und Thérèse von Lisieux (1873-1897). Gerade in unserer durchgehend säkularen Welt gehörten die Spannungen zwischen Gewissheit und Skepsis, zwischen Vertrauen und Zweifel zum Glauben dazu, so Feldmann weiter. „Vielleicht verkörpern ihre Sinnkrisen und inneren Finsternisse einfach die ganze Zerrissenheit und Qual eines Menschen, der an der Realität der Welt leidet, der das Elend der Ausgestoßenen, die Schmerzen der Gewaltopfer, die Einsamkeit der Sterbenden hellsichtiger wahrnimmt als andere und dennoch verzweifelt zu glauben versucht, dass Gott diese Erde liebt und alle diese Menschen in sein Herz nimmt? Wer kann diese Welt voll Ungerechtigkeit und Tränen mit offenen Augen ansehen und nicht am guten Gott zweifeln?“
Ihrer inneren Gottesfinsternis zum Trotz entschied Mutter Teresa sich, um ihren Glauben an Jesus Christus zu ringen. Aus dieser Perspektive könnte man sie als Patronin aller modernen Glaubenszweifler bezeichnen.