Fragt man Mirjam Pressler, wie sie auf die Idee zu „Nathan und seine Kinder" gekommen ist, berichtet sie von ihren Töchtern, die Lessings „Ringparabel" in der Schule lesen mussten - und nichts damit anfangen konnten. Geschichten müssen immer wieder und immer wieder neu erzählt werden, damit sie nicht verloren gehen. Deshalb hat sie überlegt, wie sie die „Ringparabel" so gestalten kann, dass ihre Töchter und junge Leute überhaupt einen Zugang zu der Geschichte finden. Dazu musste sie die Figuren, die Lessing mehr andeutet als ausgestaltet, zum Leben erwecken und den historischen Hintergrund erklären, ohne den die Geschichte nicht zu verstehen ist.
Leben, Farbe, Charakter bekommen Presslers Figuren durch die Sprache, die sie ihnen gibt, „damit sie ihre Sehnsüchte formulieren und ihre Ansprüche anmelden können", wie sie sagt. Für ihre Figuren sei Sprache lebenswichtig, überlebenswichtig, sagt Pressler. Diese Sprache zu finden, sei schwierig, aber „Sprachloses in Sprache zu übersetzen" sei nun mal die Aufgabe des Schriftstellers. Das gilt auf andere Weise auch für ihre Beschäftigung mit Anne Frank. Sie hat die Tagebücher Ende der achtziger Jahre neu übersetzt und sich dabei intensiv mit Anne Frank und ihrer Familie beschäftigt. Die Biografie „Ich sehne mich so" (2000) war das Ergebnis ihrer jahrelangen Recherche.
Als dann in Basel bislang unbekannte Briefe von Anne Frank auftauchten und zahlreiche Dokumente, die die Geschichte ihrer Familie erhellten, lag es auf der Hand, dass Mirjam Pressler sie zu einer Familienchronik der Franks verdichten würde: „'Grüße und Küsse an alle'", erschienen 2009.
Mirjam Pressler ist Jüdin und hat als junge Frau ein Jahr in Israel gelebt, in einem Kibbuz. Dass das Schicksal der Juden nicht in Vergessenheit gerät, ist ihr deshalb sehr wichtig. Daher rührt ihr Interesse am Judentum und an der Übersetzung israelischer Literatur.
Ein anderes Kapitel ihrer Lebensgeschichte schlägt sich ebenfalls in ihren Büchern nieder: Sie wuchs in einer Pflegefamilie und im Kinderheim auf. Besonders deutlich sichtbar wird das in den beiden autobiografisch gefärbten Büchern „Novemberkatzen" (1982) und „Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen" (1994). Weil sie am eigenen Leib erfahren hat, wie schwierig eine Kindheit sein kann, bietet sie ihren Lesern weder einfache Lösungen an, noch heile Kinderwelten. In ihren Kindheitserfahrungen wurzelt der Wunsch, anderen durch ihre Bücher eine Sprache zu geben.
Mirjam Pressler hat sich nicht nur als Schriftstellerin einen Namen gemacht, sondern auch als Übersetzerin. Sie übertrug mehr als 300 Bücher, u.a. von Amos Oz, Batya Gur, Zeruyah Shalev und Bart Moeyart ins Deutsche. „Beim Übersetzen komme ich mir vor wie ein Musiker, der eine fremde Komposition interpretiert", schreibt sie auf ihrer Internetseite. Übersetzen sei für sie nicht nur eine der schönsten, sondern auch eine der wichtigsten Tätigkeiten, die es gibt. Denn: „Bücher aus fremden Literaturen bauen Fremdheiten ab, wir erweitern durch sie unseren - nicht nur literarischen - Horizont."
Herzlichen Glückwunsch, Mirjam Pressler; hoffen wir, dass Ihnen noch viel Zeit zum Schreiben und Übersetzen bleibt!