Immer wieder bieten uns gerade Romane Erinnerungen an tiefe Heimatgefühle an. Mitten in Schilderungen einschneidender Lebensphasen geben die Protagonisten Einblicke in Erfahrungen, Fixpunkte oder auch Lebenswenden begründende Geschehnisse, die weit mehr als diese eine Person, diese eine Geschichte berühren. Peter Stamm hält für seine Hauptperson, die sich in ihrem Leben zwischen zwei völlig verschiedenen Frauen nicht entscheiden kann, einen solchen Haltpunkt fest. Und natürlich steckt diese Rückblende in der zweiten Hälfte des Romans „Sieben Jahre“, dort wo zumindest für mich als Leser noch eine Sortierung des aus den Fugen geratenen Lebens durchaus möglich wäre. Aber die tiefe Sehnsucht der Erinnerung weist schon die Richtung für den weiteren Gang des Textes: „Ich hatte seit Jahren keinen Roman mehr in der Hand gehabt, aber ich erinnerte mich noch an das Gefühl, wenn ich als Kind eine Geschichte zu Ende gelesen hatte, spätnachts oder an einem regnerischen Nachmittag. Diese Wachheit, das Gefühl, alles viel deutlicher wahrzunehmen, auch die Zeit, die langsamer verging als die erzählte Zeit.“ (S. 170). Hier zeigt sich die Qualität von Glückgefühlen konstituierender Buchlektüre und deren Prägekraft für das spätere Leben. Aber die unterschiedlich empfundene Geschwindigkeit der real gelebten Zeit und gelesener „erzählter Zeit“ lässt auch erkennen, dass Lektüre weglenken kann von notwendig zu treffenden Entscheidungen. (Pit)