Seit dem großen Erfolg dieses Buches habe ich mich nicht wirklich verständlich machen können mit meinem Unbehagen gegenüber diesem Buch. Einerseits konnte ich mir schon nach der ersten Lektüre vor bald 15 Jahren nicht wirklich vorstellen, dass ein Vater ohne nachhaltiges Bohren hinnimmt, dass sein pubertierender Sohn jeden Tag eine bestimmte Zeit über weg ist. Und diese innige sexuelle Beziehung zwischen der Straßenbahnschaffnerin und dem Schüler war mir zudem suspekt. Aber ob des großen Themas Nationalsozialismus kam ich in der Diskussion über den „Vorleser“ nicht wirklich voran. Und jetzt lese ich während der Missbrauchsdiskussion diesen Satz „Ich hätte das Duschen lieber gelassen.“ (S. 33) Sicher ergibt sich aus dem Text eher, dass der Icherzähler auf das Duschen lieber verzichtet hätte, um direkt „zur Sache“ zu kommen. Und auch beim erneuten Lesen sehe ich nicht wirklich Textpassagen, die auf eine Missbrauchserzählung schließen lassen. Aber nun sehe ich, wo mein persönliches Unbehagen gegenüber diesem Text liegt. Er erzählt von einer fast konstant unausgewogenen Beziehung zwischen Ungleichen. Und wir haben in der Rezeption – so sehe ich es nach wie vor – über die Aspekte der Nutzung jugendlicher Vitalität, sei es in sexueller Hinsicht oder auch mit Blick auf die Überlegenheit bezüglich der Lesefähigkeit, hinweggeschaut. (Pit)