Christoph Poschenrieder erzählt eine Geschichte aus dem ersten Viertel des 19. Jahrhunderts. Neuigkeiten verbreiten sich im Postkutschentempo. Und Schopenhauers Schwester, die sich nach dessen Abreise nach Venedig um eine Klärung ihrer Situation bemüht, erkennt: „Waren handfeste Nachrichten spärlich, glich die Vorstellungskraft den Mangel aus und flößte ihr Furcht und Sorge ein." Vielleicht ist dieser Satz mit seiner Aussage eher unwesentlich für diesen tollen Roman, in dem es um Sinnen und Trachten der Intelligenzija um Goethe, Schopenhauer, Lord Byron und andere Figuren geht. Ich blieb dennoch an diesem Satz aus dem Buchanfang hängen mit der Frage, ob sich seither eigentlich etwas verändert hat. Gehen wir heute im Internetzeitalter beim Mangel handfester Nachrichten anders vor? Helfen uns die zahlreichen Informationsmöglichkeiten, Furcht und Sorge unserer Vorstellungskraft besser auszurichten? Ein Stück weit ja, da die vielen Recherchechancen uns eine Zeit lang kurzweilige Zerstreuung bieten. Aber an den wirklichen Sorgen kommen wir damit nicht vorbei. Da hat das Chatten im Internet einen ähnlichen Rang wie der Zeitvertreib durch die Produktion von Scherenschnittbildern bei Schopenhauers Schwester. (Pit)