Eine ganze Woche gehört nach der jüdischen Tradition der familiären Trauer. Die unmittelbaren Angehörigen verbringen diese gemeinsame Zeit, empfangen Besuche und halten Frieden. Und während in Mitgutschs Roman die Icherzählerin mit der Familie darum kämpft, als Ehefrau des Verstorbenen akzeptiert zu werden, obwohl sie seit einigen Jahren im gegenseitigen Respekt getrennt gelebt hatten, beschäftigt mich beim Lesen ein ganz anderer Gedanke, der ausgelöst wurde durch diesen Satz: „... unsere Schiwa ist ein ...Anlaß für Geselligkeit für sie, eine Bekanntschaft aufzufrischen, sich Neuigkeiten zu berichten, Telefonnummern auszutauschen, ein Wiedersehen anderswo zu planen."(S. 74) Eine ganze Woche Zeit haben zur Unterbrechung des Alltags, zu Ehren des Verstorbenen innehalten, mit den Überlebenden die Fäden der Erinnerung zusammenspinnen und würdigen - welch ein Luxus. Aber auch welch eine Wohltat eigentlich. Dem Tod geht oft eine schwere Zeit für den Sterbenden und seine Angehörigen voraus. Seine liebende Begleitung kann einmünden in die Erleichterung des Abschiedes. Für glaubende Menschen ist dann Zeit für ihre Hoffnung, die sie miteinander teilen können. Warum nur nehmen wir uns für diese Abschiede selten ausreichend Zeit? (Pit)