Gerade in den bevorstehenden Wochen voller ‚Friede’ säuselnder Einkaufsklänge wird mich dieser Satz in besonderer Weise begleiten: „Die Unterlassung der Kritik wäre ein Akt der Lieblosigkeit, der auf Dauer noch mehr schmerzt.“ (S. 31) Eine harte und gleichzeitig befreiende Aussage, wenn sie jeden Tag aufs Neue konsequent gelebt würde. Sie stammt aus dem kleinen Buch „Widerspruch aus Loyalität“ des in Berlin als Schulleiter lebenden Jesuiten Klaus Mertes. Darin setzt sich der Autor vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen als Erzieher in der Schule und als Ordensmann mit der Frage nach dem zulässigen Widerspruch auseinander. In dem einen Fall kann er aus Respekt vor dem Nächsten unterbleiben, in dem nächsten Fall darf er aus Respekt vor dem Nächsten nicht unterbleiben. Gerade diese schwierige zweite Kritikform, die oft vom Nächsten nicht unmittelbar verstanden wird oder bei der die mutmaßlichen Freunde nach Sanktionen gegen den Kritiker rufen, steht ja immer wieder besonders im Blickfeld öffentlicher Auseinandersetzungen. Dabei kommt Widerspruch als Loyalität immer aus einem besonderen Wohlwollen gegenüber der Person und der Position, die den Widerspruch hervorruft. Weil dem Widersprechenden diese zu wertvoll ist, kann der Widerspruch nicht verborgen bleiben. (Pit)