In der edition chrismon ist eine ungewöhnliche Ausgabe des Neuen Testaments erschienen: als Kinderbibel mit Illustrationen im Mangastil. Thomas Söding, Neutestamentler aus Bochum, und Andreas Bode, Fachmann für Kinderbuch-Illustrationen, haben Text und Illustrationen unter die Lupe genommen und kommen zu unterschiedlichen Bewertungen. Während Söding mit dem Text durchaus einverstanden ist, verreißt Bode die Illustrationen in einer scharfen Polemik.
Rezension des Textes
Kinderbibeln haben Konjunktur. Sie brauchen neue Farben und Töne, um die Lebendigkeit der alten Geschichten nahezubringen. Experimente müssen erlaubt sein – auch wenn die prägende Kraft von Kinderbibeln auf die religiösen Vorstellungswelten junger Menschen zu großer Behutsamkeit und Sorgfalt Anlass gibt. Das Beste ist gerade gut genug.
Die Jesusgeschichte der edition chrismon arbeitet mit einem Kontrast. Den eyecatchern der Manga-Bilder steht eine konventionelle Nacherzählung neutestamentlicher Jesusgeschichten gegenüber. Die Geschichte bricht mit dem Missionsauftrag ab; die Geschichte der Urgemeinde, des Apostels Paulus wird abgeschnitten, die Vision eines neuen Himmels und einer neuen Erde, mit der die Bibel endet, wird ausgeschnitten. „Die größte Geschichte aller Zeiten“ wird nur zum Teil erzählt.
Die Auswahl der Jesustexte hingegen gibt einen guten Einblick. Die Bibel orientiert sich nicht an einem bestimmten Evangelium, sondern pickt nach alter Art „die besten Stellen“ heraus. Das muss kein Nachteil sein. Allerdings fehlen Hinweise auf die Originalstellen, wie es bei Kinderbibeln inzwischen üblich ist.
Der erste Teil bringt die Kindheitsgeschichte („Gott schickt den Menschen seinen Sohn“), der zweite das öffentliche Wirken („Wie Jesus den Menschen die frohe Botschaft brachte“), der dritte die Passion („Jesus erfüllt seine schwerste Aufgabe“), der vierte die Ostergeschichten („Jesus macht sein Versprechen wahr“).
Mechthild und Veronika Kleineidam streben eine kindgerechte Paraphrase der ausgewählten Bibeltexte und eine harmonische Verbindung verschiedener Traditionen des Neuen Testaments an. Eine Kinderbibel darf nicht zu karg sein; sie darf nicht am Text einer etablierten Übersetzung kleben. Paraphrasen und Hintergrunderläuterungen, Emotionalisierungen sind möglich. Sie finden sich in der Manga-Bibel reichlich. Das Ziel ist, die Szene für Kinder plastisch werden zu lassen. Weniger wäre allerdings oft mehr gewesen. Aber schön ist die Idee, aus dem Gelähmten, der durchs Dach vor Jesus abgeseilt wird, einen Jungen zu machen und die Rolle des Knaben im Speisungswunder nach Joh 6,9 in den Mittelpunkt zu stellen. So wird deutlich, in welchem tiefen Sinn es mit Recht eine Kinderbibel gibt: weil Jesus ein Herz für Kinder gehabt hat. Im Vergleich mit anderen Kinderbibeln fällt positiv auf, dass zwar etwas zu oft von „Wundern“ gesprochen wird, dass aber auf Rationalisierungen und weitgehend auch auf Moralisierungen verzichtet wird.
So kann man sich vorstellen, dass die Bibel vorgelesen wird. In der Sprache wird ein Generationenunterschied zu Kindern und Jugendlichen deutlich. Das haben sich die Autoren ja auch vermutlich so gedacht.
Thomas Söding
Rezension der Illustrationen
edition chrismon hat es gewagt: „Die größte Geschichte aller Zeiten“, das Leben Christi mit Illustrationen im japanischen Mangastil ist eine künstlerische Revolution! Doch damit nicht genug: Von seinem Mut hingerissen, hat der Verlag gleich noch eine zweite Revolution mitgeliefert, nämlich in frauenemanzipatorischer Hinsicht: Unser Herr Jesus tritt in diesem Buch als Mädchen auf, wie leicht an den Bildern zu erkennen ist, femininer noch als Michel Jackson, aber ihm frappierend ähnlich. Seit der Hochzeit von Kana ziert das mädchenhafte Antlitz allerdings ein Anflug von Damenbart, vermutlich eine Konzession an die wenigen Jungen als Leser, damit sie das Buch nicht schon nach der zweiten Seite entrüstet von sich werfen. Die revolutionäre Sprengkraft des neuartigen Versuchs, sich der Gestalt Jesu zu nähern, wird noch durch eine Provokation auf die Spitze getrieben, denn auch das soziale Problem der Kinderschwangerschaften findet hier seine Darstellung. Maria kann, nach der Illustration zu urteilen, erst etwa sieben Jahre jung sein, als ihr der Engel, der auf Seite 8 etwas unsanft gelandet ist, dass die Federn stieben, verkündet, dass sie demnächst ein Kind, halt, nein, ein „Baby“ natürlich, bekommen wird und ihr großspurig versichert, er wird es ihrem Mann Joseph, einem etwas ratlos blickenden Jungen mit angeklebtem Theaterbart, schon beibiegen.
Der grotesken Verzerrungen gibt es noch mehr. Christus bleibt das ganze Buch hindurch, sozusagen von der Krippe bis zum Kreuz, ein feminines Kerlchen – man glaubt offenbar, dass sich dann Kinder im angepeilten Lesealter williger mit ihm identifizieren. Daher ist auch die ganze Geschichte letztlich als ein bis zum Kreuzestod erweitertes Krippenspiel gestaltet, das Kinder in bauschigen Gewändern und falschen Bärtchen schlecht und recht und unbeholfen durchziehen.
Aber genug des Spotts über dieses Ärgernis. Die Infantilität, die das ganze Buch in Text und Bildern durchzieht, resultiert weniger aus der falschen Überzeugung, Kinder könnten keine Erwachsenengeschichten ertragen, sondern ist die Folge eines falsch verstandenen Mangastils, der mit der japanischen Comicwelle nach Europa übergeschwappt ist. Das Zugpferd Manga der japanischen Verlage ist auf seiner Wanderung westwärts zur Schindmähre heruntergekommen, die von so vielen Nachahmern geschunden worden ist, wie am vorliegenden Beispiel ersichtlich, dass sie wirklich nur noch reif für den Abdecker scheint.
Die ursprünglichen japanischen Stileigenheiten, die sich in seriösen Comicerzählungen, etwa von Tezuka Osamu, herausgebildet hatten und ohnehin bei vielen Comiczeichnern oft schon bis an die Grenze des Kitschs führten, sind hier auf sternchenfunkelnde Glotzaugen und Glitzermäuler reduziert. Der anonyme Hersteller (um das Wort Illustrator zu vermeiden), der sich zu dieser magenkrank machenden Zuckerbombe überreden ließ, scheint gar nicht zu wissen, dass Kitsch aus hygienischen Gründen eine Grenze haben sollte, denn sein Kitsch ist grenzenlos, ja universal, weil er sich an der Person Jesu vergreift.
Die Idee, das Leben Jesu in comicartiger Gestaltung darzustellen, ist nicht neu, und es gibt künstlerisch eindrucksvolle Beispiele, etwa des Dänen Peter Madsen. Hier hat sich der Verlag aber nicht einmal um einen fähigen Zeichner bemüht, sondern jemanden im verkrampften Mangastil herumstümpern lassen. Wird so ein Machwerk Kinder wenigstens für biblische Geschichte interessieren können und ihnen einen tiefer gehenden Begriff von der Weltbedeutung Jesu vermitteln, wenn ihnen schon, sozusagen als Kollateralschaden, eine Geschmacksverderbnis droht? Ich glaube es nicht und möchte es den Kindern auch nicht wünschen.
Andreas Bode