Lese(r)Diagnose
Das Leseverhalten verändert sich unter dem Einfluss neuer Medien, schulischer und beruflicher Anforderungen sowie dem Wandel der Lebensweisen in unserer Gesellschaft immer wieder. Nach vielen Forschungsstudien kann zusammenfassend für die letzten Jahrzehnte gesagt werden:
- Es gibt immer weniger regelmäßige (Buch-)Leser.
- Vielleser lesen immer mehr.
- Die Leseformen ändern sich.
- Die Textmenge, die von durchschnittlichen Lesern „am Stück“ verstanden und verarbeitet werden kann, nimmt ab.
Menschen passen ihr Leseverhalten an die Nutzungsgewohnheiten der (elektronischen) Medien an. Sie übertragen auf das Buch woran sie gewöhnt sind, was ihnen vertraut ist und Spaß macht; vermutlich aber auch das, was ihnen Belastungen erspart, was ihrem Wunsch nach Abwechslung und „Events“ entspricht, „nach raschen Schnitten“, was die Anforderungen an ihr Konzentrationsvermögen nicht allzu sehr strapaziert.
Bücher scheinen bezüglich des Faktors Zeit eher schlechte Chancen zu haben. Sie sind „das Medium der Langsamkeit schlechthin“ (Jean-François Lyotard, Philosoph). Diese fast schon Gemeingut gewordene Einschätzung gilt faktisch, aber Langsamkeit und Entschleunigung erhält eine neue Relevanz. Diese drückt sich z.B. in der These vom Sabbatparadox des kirchlichen Bildungskongresses 2000 in Berlin aus: „Das Sabbatparadox: Zeit hergeben heißt Zukunft gewinnen“. Mit dieser einfachen – und gleichwohl schwierigen – Tatsache kämpft die Leseförderung Tag für Tag: Solange sich die Erziehenden nicht frühzeitig und ausreichend Zeit für das (Vor-)Lesen nehmen, sind viele andere Anstrengungen zum Scheitern verurteilt.
Wichtig ist die durch verschiedene Studien belegte Beobachtung, dass vor allem junge Menschen von sich selber sagen, ganz generell eigentlich keine Zeit und keine Geduld mehr zu haben. Vornehmlich intensive Internet-Nutzer meinen nicht mehr warten zu können, um zu erfahren, wonach sie suchen, wenn sie etwas suchen oder sich gar zu erarbeiten, was sie wissen möchten. Vor dem Hintergrund der messbaren Tatsache, dass für den Durch-schnitt der Bundesbürger die frei verfügbare Zeit in den letzten Jahren zugenommen hat, muss deutlich betont werden: Es wäre zwar mehr Zeit – auch – zum Lesen da. Dies wirkt sich jedoch in den Untersuchungsdaten nicht aus. Lesen oder Nicht-Lesen setzt halt eine bewusste Prioritätensetzung voraus. Weitaus mehr Menschen halten das Lesen ganz allein für sehr wichtig, tun es jedoch selbst nicht.
In den vorliegenden statistischen Erhebungen treten folgende Einzelaspekte besonders zutage:
- Die tägliche Buchlektüre hat insgesamt abgenommen: von 16 % (1992) auf 6 % (2000). Für das Untersuchungsjahr 2008 wurden 9 % tägliche Buchleser gemessen. Ein Rückgang in 16 Jahren um mehr als 40 %.
- Gleichzeitig stieg die Zahl der Nie-Leser um fast 25 Prozent (1992: 20 %, 2000: 28 % und 2008: 25 %).
- Es bleibt bei den Viellesern klar bei der altbekannten Bildungsschichtung: Personen mit höherer Bildung, die vom Elternhaus Bücher und von ihren Eltern das Lesen als Tätigkeit kennen, entwickeln sich in deutlich stärkerem Maße selbst zu Lesern.
- Leser, die gerne Bücher lesen, sind gleichzeitig intensive Nutzer von Lesestoffen in anderen gedruckten oder elektronischen Medien.
- Die Erwartungen an die Lektüre haben sich verändert: Leser wünschen sich eher Spannendes, Faszinierendes und Anre-gungen zum Nachdenken.
- Politische oder gesellschaftliche Themen sind weniger gefragt.
Wie wird gelesen - Lesestrategien
Der bereits in vielen Untersuchungen der letzten zwanzig Jahre verzeichnete Umbruch in der Art und Weise des Lesens hat sich entsprechend dieser Tendenzen weiter fortgesetzt:
- paralleles Lesen verschiedener Bücher, die an unterschiedlichen Lektüreorten warten;
- oberflächliches, überfliegendes Lesen nimmt zu; in den Büchern wird hinten nachgeschaut und der Rest überflogen;
- lineares Lesen wird seltener, die Hemmschwelle zum Abbrechen sinkt;
- Häppchenlesen hat Konjunktur, wie wir dies von Zeitungen bereits kennen;
- „Anlesen“ wird wichtiger als das Durchlesen;
- Geduld für längere Texte bleibt zunehmend aus;
- jüngere Leser lieben das Lesen im Medienmix: Musik hören, laufender Fernseher, Videoclips im PC – und „nebenher“ lesen.
Der Weg zum Lesen
Weithin prägt die Art und Weise, wie Kinder in Wort und Schrift eingeführt wurden, ihre lebenslange Einstellung zur Schriftlichkeit.
- Die Erziehung zum Lesen hat ihren Ursprung im Elternhaus, spätestens im Kindergarten. Lesekarrieren beginnen ganz früh.
- Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind Vielleser wird, ist relativ hoch, wenn beide Elternteile bereits Leser waren.
- Der aktive und passive Einfluss der Elternhäuser auf das Lesen geht zurück: Die gezielte Einflussnahme der Eltern auf das Leseverhalten ihrer Kinder sank in den letzten Jahre drastisch. Eltern glauben, sich selbst weniger Zeit für das Vorlesen nehmen zu müssen und erhöhen ihre entsprechende Erwartungshaltung an die Erzieher in Kindergarten und Schule.
- Öffentliche Büchereien sind wichtige Halte- und Tankstellen in Lesebiografien: Rund ein Fünftel aller Bundesdeutschen sind Kunden in einer Bücherei. Aber: Zwei Fünftel haben noch nie eine Bücherei besucht.
Weibliches und männliches Lesen
In den Studien wird den unterschiedlichen Zugängen zum Lesen bei Mädchen und Jungen zunehmend Wert zugemessen. Bei Computerspielen und Comiclektüre gibt es höhere Werte bei Jungs, bei der erzählenden Literatur liegen die Mädchen vorn. Diesen Fragestellungen wird in verschiedensten Zusammenhängen gerade im Bildungsbereich und den politisch relevanten Themen Gleichstellung und Gender Mainstreaming nachgegangen. (2)
Bei den erstmals 2008 von der Stiftung Lesen definierten sechs Lesetypen gehören Frauen deutlich zu den Gruppen „Lesefreunde“ und „Viel-mediennutzer“. Männer dominieren in den Gruppen „Informationsaffine“ und „Elektronikaffine Mediennutzer“.
Medienmix und Zugänge zur Lektüre
Allgemein wird verkannt, dass der Weg in die Informationstechnologien nur mit hoher Lesekompetenz begangen werden kann. Der Informatiker Joseph Weizenbaum betonte: „Medienkompetenz ist die Fähigkeit, kritisch zu denken; kritisches Denken lernt man indessen allein durch kritisches Lesen und dieses setzt hoch entwickeltes Sprachbewusstsein voraus“.
- Vielleser nutzen sehr viel häufiger als alle anderen auch die neuen Medien.
- Die Orientierungslosigkeit bei der Suche nach den „richtigen“ Büchern verstärkt sich auch durch die Angebotsvielfalt im Internet-Handel und schwerer möglichen Überprüfbarkeit von Buchbeurteilungen.
- Der Beratungsbedarf für „Ungeübte“ wird zwangsläufig größer und ist gleichzeitig „unwirtschaftlich“.
- Diese Herausforderungen kann der unter starkem wirtschaftlichem Druck stehende stationäre Buchhandel kaum auffangen.
Besonderheiten der Buchlektüre
Immer wieder werden die Vor- und Nachteile der verschiedenen Medien abgewogen. Für das Buch sprechen u.a. folgende Fakten und persönliche Erfahrungen:
- Das Lesen von Büchern wird in aller Regel inszeniert: typische Situationen, vertraute Ort, angenehme Zeiten, Gewohnheiten im Tagesablauf, Rituale.
- Die genießerische Komponente: Zum Lesen muss es gemütlich sein, behaglich und bequem.
- Stellenwert der Hände als Orte haptischer Sinneswahrnehmung, die auch bestimmte Gefühle vermitteln. Die Bedeutung des Tastsinns hat anthropologische Wurzeln. Augen vermitteln rund 80 % der Wahrnehmungen. Der Tastsinn gilt als der gründlichste und unmittelbarste Modus von Weltvergewisserung. Tasten und Berühren sind von Geburt an von Bedeutung (erfassen und begreifen).
- Das Blättern in Büchern bietet einen ersten Zugang. Der unbewusste Wunsch zu blättern erleichtert es uns, im persönlichen Tempo langsamer oder schneller im Text hin- und herzuspringen, noch einmal etwas nachzulesen.
- Lesen findet innerhalb eines Netzwerkes von Freunden, Familien, Kollegen statt: Gedankenaustausch, Ausleihe, Verschenken.
- Wolfgang Bergsdorf (Politikwissenschaftler und Vorsitzender der Görres Gesellschaft): „Hardware und Software sind unschlagbar im Suchen, Speichern und Rechnen. Aber die Menschen sind auch unschlagbar: im Bewerten, in der Interpretation und im Kontextbewusstsein.“
Sprechen – Lesen – Denken
Für das Hören, Sehen und Sprechen ist in unserem Gehirn Platz vorgesehen. Für Lesen und Schreiben können die Hirnforscher keine Gehirnregionen lokalisieren. Damit dies trotzdem gelingt, müssen Hirnregionen durch rechtzeitiges und permanentes Training nutzbar gemacht werden.
Die Erschließung der entsprechenden Hirnareale geschieht nur durch Anregung von außen: Allein das Sprechen und das Lesen selbst kann Vorgänge im Gehirn in Gang setzen, die zur Ausbildung dauerhafter Strukturen führen. Nur dann beginnen Nervenzellen zu wachsen und sich untereinander zu verknüpfen: Jede einzelne der betroffenen Zellen kann auf entsprechende „Reize“ hin Verbindungen mit vielen anderen Zellen ausbilden und so hoch effiziente Kommunikationswege schaffen. So entstehen Verbindungen (Synapsen) und neuronale Netze: je dichter sie sind, umso leistungsfähiger können sie werden. Nicht nur für den Aufbau, sondern auch für die Netzstabilisierung sind Reize von außen (also ständiges Lesen und Schreiben) notwendig. Wenn die einmal geschaffenen Netze nicht benutzt werden und ihr Bedarf nicht durch stetige Inanspruchnahme bestätigt wird, können sie wieder zerfallen.
Wichtig: Der Aufbau der Netze ist nur zeitlich befristet möglich. Das „Entwicklungsfenster“ für die Sprache schließt sich zwischen dem 5. und dem 8. Lebensjahr, das „Fenster“ für das Lesen mit dem 13. bis 15. Lebensjahr. Was bis dahin nicht an Strukturen geschaffen wurde, kann später kaum noch aufgebaut werden.
Wenn Lesen und Schreiben nicht entwickelt werden, leidet darunter auch die Entwicklung der emotionalen und kognitiven Fähigkeiten: Fantasie, Kreativität, bildliches Vorstellungsvermögen oder Orientierungssinn - letztlich der Verstand. (3)
Das Heranführen von Kindern an (Bilder-)Bücher und die Bildung eines Vertrauensverhältnisses zu diesem originären Medium ist also von grundlegender Bedeutung. Dies vermögen am besten vertraute und geduldige Begleiter, die zum Sprechen, Vorsingen und (Vor-)Lesen einladen.